Morgen, gestern, heute – Die Zeit und die Wunden

Sicher wollten Sie auch schon einmal die Zeit anhalten. In besonders schönen Momenten. Oder auch die Zeit zurückdrehen? Um Unschönes ungeschehen zu machen. Eine zweite Chance zu bekommen. Aber was ist das überhaupt, die Zeit? Blöde Frage: Gibt es die überhaupt, die Zeit?

Uhr un 1802cMein Wechselweib ahnt gar nicht, was es bei mir ausgelöst hat. Da bringt sie mir vor ein paar Tagen ein Buch mit, „nur so“, ohne besonderen Anlass, „weil du den Suter doch so liebst“. Richtig, Martin Suter ist einer meiner Lieblingsautoren.

Ehrlich gesagt hat mich der Titel „Die Zeit, die Zeit“ nicht angesprochen, damals, als das Buch vor knapp zwei Jahren herauskam. „Die Zeit, die Zeit“. Was sollte da neugierig machen?

„Die Zeit, die Zeit“ beschäftigte mich diesmal sofort. (Alles braucht eben den richtigen Zeit-Punkt.) Aus dem Ritual des Lesebeginns – erst das Buch rasch durchblättert, dann aufs Ende geschielt – bleibt sofort ein Satz hängen.

„Noch nie ist etwas in der Vergangenheit geschehen und noch nie etwas in der Zukunft.“

Der Satz lässt mich nachdenken. Ja, klar, alles „geschieht“ ja immer im Jetzt. Als ich mit meiner Liebsten darüber sprechen will, hat sie keine Zeit: die Ironie – keine Zeit für die Zeit! – wird ihr nicht bewusst. „Boh, das ist wieder philosophisch!“ ist ihr einziger Kommentar.

Eine traurige Geschichte eigentlich, der Roman. Kleinbürgeridyll in der Vorstadt, alles geht seinen geordneten Gang, und die ganze Straße hat Mitleid mit Peter Taler, altersloser Anfang Vierziger, der vor einem Jahr seine geliebte Laura verloren hat, unerwartet, durch einen sinnlosen Mord. Peter Taler sucht den Mörder, will ihn mit seiner Armee-Pistole als letzte Tat im Leben, erledigen. Und Peter Taler observiert seine Umgebung, beobachtet Veränderung.

Und bemerkt allmählich, dass sein Nachbar im Vorgarten und am Haus den Zustand von früher wieder herzustellen versucht, Wände streicht, nachts heimlich Bäume neu pflanzt, denn wenn das Bild keine Veränderung gegenüber dem Bild von vor zwanzig Jahren manifestiert, dann ist ja auch keine Zeit vergangen. Und somit, so glaubt der Nachbar, kann er seine vor zwanzig Jahren verstorbene Frau zurückholen, und Peter Taler soll es ihm mit Laura gleichtun.

„Die Zeit heilt alle Wunden“ – beide wissen nur zu gut, dass der Satz einfach nicht stimmt. Man lernt höchstens, mit den Verletzungen zu leben.

Die atmosphärisch bedrückende Geschichte nimmt noch einige unerwartete Wendungen, entpuppt sich fast als Thriller bis zum überraschenden Ende. Aber aufregend war für mich der erste Teil, der die Welt auf den Kopf stellt. Das gewagte Gedanken-Experiment – ‚keine Veränderung‘ heißt: keine Zeit ist vergangen! – löste einen Wirbel in meinem Kopf aus.

Möchte ich die Zeit zurückschrauben und zum Beispiel die letzten Jahr neu erleben? Möchte ich Veränderungen tilgen, also die Zeit auslöschen?

Wenn ich diese nostalgischen Anwandlungen recht überdenke, weiß ich, dass gerade unsere Erfahrungen uns zu dem Menschen machen, der wir sind. Auch und gerade die tiefen Täler der Wechseljahre haben mich und meine Frau und unsere Partnerschaft wachsen lassen. Und das möchte ich nicht aufs Spiel setzen durch eine strapaziöse Wiederholung mit ungewissem Ausgang – wer sagt denn, dass wir beim neuen Versuch etwas anders gemacht haben werden?

Ist es nicht einfach feige, der Zeit davonzulaufen?

Deshalb denke ich doch, es ist besser, die Gegenwart zu leben. Zeit wird nicht bedeutungsloser und damit bald inexistent im Alter, Zeit wird immer wichtiger. Peter Taler lernt, den Begriff ,Zeit‘ durch das Phänomen ,Veränderung‘ zu ersetzen. Aber das meint für mich keine Flucht vor oder gar aus der Zeit. Denn Veränderung, also Wechsel hat ja etwas Gutes, weil es die Chance des Neuen birgt.

Herzlichst
Ihr Jörg

Übrigens – als Knabe hatte Suter  in sein Poesie-Album den titelgebenden Sinn-Spruch kopiert, dessen Urheber er noch heute sucht: „Die Zeit, die Zeit, / ihre Reise ist weit, / sie läuft und läuft / in die Ewigkeit.“ Kennen Sie diesen Spruch und seinen Verfasser? Wäre schön, wenn Sie mir den verraten könnten!

Jörg

Jörg

Jörg erzählt mit seinem eigenem Humor und viel Esprit über sein Leben mit seiner Frau Stella und den Wechseljahren.

1 Kommentar zu: »Morgen, gestern, heute – Die Zeit und die Wunden«

  1. Wenn du älter wirst sieht die Zeit anders aus als wenn du jung bist, ihre Beine werden länger und sie läuft dir davon. Die Zeit ist von der Zeit abhängig, welch schreckliches Schicksal. Vielleicht sollten wir nicht googlen sondern zeiteln. Würde uns das Zeit ersparen?
    Zeit wofür? Wir haben alle Zeit der Welt und was machen wir damit? Bis kurz vor Schluss merken wir es nicht und dann ist es zu spät.
    es hilft nur eines – Carpe Diem.
    von BS to BF

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