Die Weihnachtszeit – oder wie ich die Welt sehe

Wenn ich an Weihnachten mit schönen, tief gehenden Gefühlen denke, dann liegt das in etwa 40 Jahre zurück. Zum ersten Advent hat mein Papa immer ein Adventstischchen aufgestellt mit handgeschnitzten Erzgebirgsenglein, die im Halbkreis im Chor standen, einer sich rasend schnell drehenden Pyramide, ebenfalls aus dem Erzgebirge, einem Nussknacker, das Pfeifenmännchen nicht zu vergessen und reichlich anderem weihnachtlichen Klimbim. Draußen wurde die Blautanne mit elektrischen Kerzen vorgeglüht, ich konnte sie aus meinem Zimmer sehen und das Gefühl dazu ist unendlich friedlich, traumversunken mit dichtem Schnee. Ja, damals lag noch Schnee zu Weihnachten. Und zwar immer! Mein Vater war Diakon und hatte wohl nen guten Draht nach oben!

Oh du fröhliche Weihnachtszeit - einfach wieder aufs Wesentliche besinnen...
Oh du fröhliche Weihnachtszeit – einfach wieder aufs Wesentliche besinnen…

Das Weihnachtsoratorium von Bach quoll aus dem Erdgeschoss in mein Ohr und mein Vater saß zu Tränen gerührt in seinem Sessel und lauschte den feierlichen Trompeten. Die Tage bestanden gefühlt aus 48 Stunden. Was bedeutete Zeit? Die ganze Vorfreude auf Weihnachten war unermesslich. Ein Kribbeln flog durch meinen ganzen Körper, in der Hoffnung, das etwas Wunderbares geschehen würde. Und das große Wunder geschah am Heilig Abend: Ein wunderschön geschmückter Baum, wie von Geisterhand mit Lametta und Plingpling behängt. Der gemeinsame Gang (im Schnee!!) zur Kirche umme Ecke! Alles gemächlich wie in Zeitlupe. Danach Berge von Geschenken aufreißen und sich über die Türme aus Süßem hermachen. Die nach „Guter Butter“ duftenden Doppeldecker-Kekse meiner Omi, reichlich mit Erdbeermarmelade gefüllt, in sich hinein stopfen, wo es eigentlich nichts mehr zu stopfen gab! Mann, was waren das für Zeiten. Bestimmt abartig glorifiziert aber nachgefühlt war es so. Den Zank und Streit nach dem Fondue erwähne ich jetzt mal nicht! Heute verglichen mit damals, empfinde ich die Vorweihnachtszeit als die gruseligste im ganzen Jahr.

Schon kurz nach den Sommerferien ohne Sommer schmuggeln sich ganz unaufhörlich die süßen Weihnachtsferkeleien in die Regale, um dann spätestens Mitte Oktober die Gänge zwischen den Regalen so voll zu stopfen, dass man nicht mehr durch kommt. Meist bin ich so reizüberflutet vom Gedödel aus den Lautsprechern, dem Geschwindigkeitswahn wo ich geh und steh, dass ich häufig völlig plemplem nach Hause komme. Da hole ich dann in alten hoffnungsfrohen Gefühlen die Pyramide vom Dachboden, stelle schon mal die Krippe auf, die von meinen schwarzen Katern prompt bespielt wird und höre kein Weihnachtsoratorium, weil dazu keine Zeit bleibt!

„Wie noch mal, wann in der Schule Kekse backen? Ach ja, Teig mitbringen…okay, Förmchen auch! Die Weihnachtsfeier…klaro! Freitag abend? Nicht so lange, muss morgen um 5 Uhr aufstehen und arbeiten…stimmt, gleich danach Weihnachtschor! Wo gabʻs noch mal die Hörcassette zu Nikolaus….kreisch, Judo vergessen!!!..oh mann, sollte doch Bastelutensilien für den Großen mit geben,…..haha, vergessen!!!…wie, jetzt…. was und wo….. um Himmels ….. Beate am Rande des Nervenzusammenbruchs!!!!!!!!!!

Stopp!

Was macht denn nun Weihnachten weihnachtlich? Für mich ist das Weihnachtlichste, wenn zu Heilig Abend um Punkt 18 Uhr die ganze Nachbarschaft mit Kind und Kegel, Tanten und Cousinen, Hut und Hund mit Sekt und Instrumenten unterm Arm unsere Wohnung stürmt. Wir singen Weihnachtslieder, die Kinder musizieren mit Klarinette, Saxophon und co., begleitet am Flügel! Der Sekt fließt in Strömen, die Worte auch und es ist so feierlich und gemeinschaftlich, dass alle darauf bestehen, es im nächsten Jahr unbedingt wieder zu tun. Das geht nun schon seit 10 Jahren so, an Wegfahren ist gar nicht zu denken!! Ich muss schon sagen, unsere Hausgemeinschaft ist echt dufte! Und nun zu den Geschenken: Wie wichtig ist eigentlich das Schenken und beschenkt werden?

Bei den Kindern ist es klar, die werden beschenkt aber nicht gestopft. Irgendein „Weihnachtsmann“, der kurzfristig verkleidet wird, findet sich immer im Haus, um die Geschenke zu verteilen. Das ist unglaublich entzückend! Meine kindlichen Gefühle kommen dann hoch und mir wird warm ums Herz. Was ich überhaupt nicht mag, ist dieser Konsumterrorismus. Dem verweigere ich mich schon seit Langem. Wir Eltern beschenken uns seit 14 Jahren nicht mehr. Ich mag einfach nicht mehr auf Knopfdruck Geschenke an Land zerren, die ich genauso übers Jahr verteilt schenken kann. Lieber fahren wir mal übers Wochenende weg, wenn überhaupt, da Oma dann sitten mus und das ist bei Leibe mit unseren Wildwest-Jungs nicht wirklich einfach. O-Ton Oma: „Das mache ich niiieee wieder!!!“

Ansonsten bekommt der Clan was Kleines und alle sind glücklich. Für mich besteht der Wert des Beschenkens eher in der Dankbarkeit darüber, das wir das vergangene Jahr mit allen Höhen und Tiefen wieder einmal gemeistert haben. Das ist für mich das größte Geschenk!!!

Eure Beate

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