Ab auf den Acker!

Immer wenn es bei mir nicht so richtig läuft, muss ich an die frische Luft. Spazierengehen und durchatmen – das hilft. Morgens, der Tag liegt vor mir – oft noch ohne Gesicht und in meiner Vorstellung voller Hürden – dann gibt es nichts Schöneres als barfuß  mit einem Becher voll heißem Kaffee durch den morgennassen Garten zu stapfen. Hätte mir jemand vor 30 Jahren erzählt, es sei eine pure Freude im Kräuterbeet zu schneiden, eigene Tomaten zu ernten oder Blumenzwiebeln zu setzen, ich hätte ihn ausgelacht. Mittlerweile bin ich infiziert und mag mir ein Wohnen ohne Grün und Garten gar nicht vorstellen. Mein Mann möchte möglichst schnell in eine coole Wohnung umziehen – auf jeden Fall ohne Garten, das macht doch nur Arbeit.

Der perfekte BIlderbuchgarten – ein Traum für stressgplagte Großstädter…

Bei uns in der Umgebung wird jede freie Fläche derzeit zugebaut. Immer mehr Menschen suchen Wohnraum, Platz für Grün wird Mangelware. Für mich sind die neuesten Ergebnisse der Freizeitforscher deshalb keine Überraschung. Der Garten oder Balkon und die Liebe zum Grün rangieren in der Gunst der Befragten ganz weit oben.

Wirklich scharf finde ich, dass sich gewiefte Geschäftsleute diese Sehnsucht gleich wieder zu Nutzen machen. Habt Ihr schon von dieser Acker-Vermietungs-Nummer gehört? Zum Beispiel unter www.meine-ernte.de können sich Städter für eine Saison einige Quadratmeter Gemüsegarten mieten. Ein großes Stück Acker, gepachtet vom örtlichen Bauern, eingeteilt in Mengen kleiner Parzellen. Kohlköpfe, Kartoffelkraut und Radieschen, so weit das Auge reicht. Alles ist schon fertig gepflanzt. Gartengeräte hängen arbeitsbereit im Bauwagen, Wasserbehälter wabern in der Acker-Landschaft. Es lockt das Versprechen: „Lassen Sie den Alltagsstress hinter sich. Wir sorgen für Ihre Rundumbetreuung.“ Darauf gibt es noch das Ökosiegel. Biologisch – praktisch – bequem! In der Erntezeit  soll eine Stunde Arbeit pro Woche ausreichen. Na, wer’s glaubt… Dazu der perfekte Onlineauftritt mit Bestellshop für Gartengeräte, Fachbücher, Gummistiefel, oder darf es vielleicht eine Geschenkebox mit Dünger, Saatgut und Anzuchttöpfchen sein? Die netten Mitarbeiterinnen im Werbefilm tragen alle das Marken-T-Shirt in smartem Grün. Mit dem guten alten Schrebergarten hat das nichts mehr zu tun.

Trotzdem – eine geniale Geschäfts-Idee, aber reichlich abgeschmackt. Da rollen dann am Wochenende die fetten Stadtautos, beladen mit mindestens einem Kind, in Richtung Acker in der Umgebung. Ein bisschen Unkraut zupfen – so fürs Gefühl und für Vorzeige-Dreck unter den Fingernägeln. Ein wenig Quatschen so von Gärtner zu Gärtner und dann wird geerntet was das Zeug hält. Zuhause läuft bei der nächsten Einladung die Nummer mit der Selbstversorger-Öko-Überzeugung. Da schmeckt das Menü doppelt köstlich.

Mich nervt einfach, dass alles immer nur über Modeerscheinungen funktioniert. Einmal ein Fernsehbericht und schon laufen alle Amok und wollen auf den neuesten Trend aufspringen. Bestes Beispiel sind doch diese Häkelmützen, die jetzt alle auf dem Sofa produzieren. Super, gab’s aber immer schon. Nur eben keine Fernsehberichte darüber oder Markennamen. Neulich traf ich eine ehemalige Kollegin, die mir von ihrem neuen Modelabel erzählte und dann einen dieser Häkeltöpfe aus der Tasche zog. Da ging bei mir echt gar nichts mehr. Ich trage die Dinger auch ganz gern auf meinem Kopf, aber mehr auch nicht. Gilt heute immer nur das, was besonders wichtig ist und als Trend verkauft wird?

Also, wer einfach das Bedürfnis nach Buddeln und nassen Morgenfüßen hat, mache sich unbedingt auf die Suche nach Erde und Acker, aber bitte ohne TV-Hype und Markenshirt. Wusstet Ihr eigentlich, dass man ganz wunderbar Kartoffeln in einem Eimer ziehen kann? Das habe ich in diesem Jahr ausprobiert, weil noch leicht angegammelte Saatkartoffeln in meinem Schrank lagen. Die habe ich einfach in einem Plastikcontainer mit Erde versenkt, an einen sonnigen Platz gestellt und regelmäßig gegossen. Die Ernte der vergangenen Wochen waren sechzig bis siebzig wohl schmeckende Kartoffeln.  Also eine voll Balkon-taugliche Idee. Aber wie nenne ich die bloß? Eimer-Kartoffel.de, Plastik-Knolle, Bio-Balcony-Potato – es wird sich schon etwas finden… Und dann bin ich richtig wichtig!

Frische Grüße mit dreckigen Fingernägeln
von Lisa

1 Kommentar zu: »Ab auf den Acker!«

  1. Hi,

    habe mich köstlich über die Idee mit Bio-Balcony-Potato amüsiert! Funktioniert das echt? Ich werde es ausprobieren!! Ich bin komplett einverstanden, dass man raus muss und am besten barfuß. Kleine Insekten anschauen und sonst was die wunderbare Natur anzubieten hat und schon geht es einem besser!
    Und sonst…was heute gilt (oder besser was für einen selber gilt) das entscheidet jeder für sich. Je älter ich werde desto mehr wird mir klar, dass ICH für mich entscheide und sonst keiner. Ich muss auch keinem erklären warum und wieso. Der Lebensweg ist eine Entscheidung, oder besser gesagt die Summe aller Entscheidungen. Man erntet was man säet genau wie im Garten.
    Lieben Gruß!

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