Ein Ehrenamt ist gut – nicht nur für andere

Es gibt Situationen aus der Jugend, an die man sich immer wieder erinnert. So denke ich sehr oft zurück an ein Gespräch, das mein Vater vor sehr sehr vielen Jahren mit mir führte. Stell dir vor, du sitzt auf deinem Lebensstuhl, sagte er. Da sollst du es gemütlich haben. Er soll dich tragen, aber auch am Boden halten.

Damit der Lebensstuhl bequem ist, sollte man nicht nur an sich selbst denken.

Ein Stuhlbein sind deine Familie und Freunde. Deine Arbeit, dein Beruf sind das zweite Stuhlbein. Du musst dich um dein körperliches Wohlbefinden kümmern – die dritte Ecke ist also von Bewegung und Sport besetzt. Aber damit du nicht in Schieflage gerätst, brauchst du den vierten Lebenspfeiler. Und  das ist etwas von dir, was du anderen zur Verfügung stellst. Einfach so – ohne Bezahlung. Ob mein Vater damals das Wort Ehrenamt gebrauchte, erinnere ich nicht mehr.

Zugegeben, das Bild des Lebensstuhls birgt eine kräftige Portion Pathos, aber es ist mir nie aus dem Sinn gegangen. Und? Fragt Ihr jetzt natürlich. In Sachen Freunde, Sport und Beruf habe ich nach der Schule ordentlich auf die Tube gedrückt. Das Ehrenamt haben mir dann erst die Kinder mit in die Wiege gelegt. Von der obligatorischen Klassenelternvertretung über regelmäßige Kindernachmittage in der örtlichen Kirchengemeinde und Ferienprogramme für Kinder, die nicht in Urlaub fahren konnten. Ehrlich gesagt, hat mich das damals schon ganz schön gestresst. Manchmal musste ich die eigenen Kinder weg organisieren, um für die anderen da zu sein. Aber es fühlte sich immer richtig an.

Trotzdem habe ich dem Beruf zuliebe vieles von dem damaligen Engagement eingedampft. Heute bringe ich es gerade mal auf einen stellvertretenden Elternvertreter, betreue sporadisch die Sportmannschaft meiner Tochter. Würde ich nun im Andenken an meinen Vater (der Gott sei Dank noch lebt) behaupten, ich fühlte mich deshalb in einer Schieflage, stimmt das nicht ganz. Aber ich merke, dass ich auf der Suche bin nach einem Engagement, das unabhängig ist von meinen Kindern und nicht wie mein Job irgendwann in Rente geht.

Letzte Woche habe ich mal im Internet gestöbert. Sehr interessant, was das Netz so anbietet. Schon bei www.ehrenamtlich.de bin ich auf einige Ansprechpartner gestoßen, die mir bislang nicht präsent waren. Weltweit operieren  Organisationen wie der Lions und der Rotary Club, aber auch in allen Städten und Ortschaften gibt es Freiwilligen Zentren, Börsen oder Agenturen. Die großen Einrichtungen wie das Deutsche Rote Kreuz, der Arbeiter Samariter Bund, aber auch Kirchengemeinden, Seniorenbüros und Schulen suchen Hände ringend nach Freiwilligen, die vorlesen, Essen austeilen, einkaufen, Hausaufgaben betreuen, Arztbesuche begleiten, Behördengänge übernehmen. Ich weiß noch nicht genau, aus welchem Holz mein viertes Stuhlbein künftig geschnitzt sein wird, aber ich arbeite daran.

Zum Abschluss für heute noch eine kleine lustige Geschichte von meiner Nachbarin. Silkes Tochter ist vor einem halben Jahr ausgezogen. Ihre neugewonnene und seit langem herbei gesehnte Unabhängigkeit hat Silke laut polternd in ein grauenhaft tiefes Loch gestürzt. Der Mini-Job erschien ihr plötzlich banal. Silke, die seit sie denken kann an einem Sprachfehler leidet und so eine Art Stottern ihr eigen nennt, liest jetzt mehrmals im Monat in einem Seniorenheim für Demenz-Patienten vor. Sie kichert jedes Mal, wenn sie dies erzählt und fragt sich, ob es an der Schwerhörigkeit des Auditoriums liegt, dass sie so sehr gemocht wird. Silke strahlt dabei und sagt, sie hat ihre Mitte wiedergefunden.

Mal kippelnd, mal geerdet grüßt herzlich
Eure Lisa

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