Ich mache keinen Sport – ich bewege mich nur

Ich will mein Leben zurück oder Vielleicht DOCH LIEBER EIN ANDERES? Teil 2

Wir Um-die-50-Jährigen haben es nicht leicht. Plötzlich spielen unserer Hormone verrückt und unsere Hosen fangen an zu kneifen. Aber das ist noch nicht alles. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass wir die Bevölkerungspopulation sind, die sich am wenigsten bewegt. (Haben die nichts Besseres zu tun?) Jetzt könnte man sagen „Na und?“ und so weiter machen wie bisher. Aber in unserem Alter geht die Bewegungslosigkeit leider Gottes mit einem drastischen Muskelabbau einher. Fettpölsterchen in Kombination mit schlaffen Muskeln? Diese Aussicht ist einfach zum Davonlaufen – im wahrsten Sinne des Wortes!

Zum letzten Mal habe ich während meiner Schulzeit so richtig Sport gemacht. Damals war die Welt noch in Ordnung. Mehrmals wöchentlich stand Sport auf dem Stundenplan, und die Basketball AG fand ganz bequem nach dem Unterricht in der Schule statt. Ohne sich groß anstrengen zu müssen, konnte man so mühelos jede Woche einige Sport-Einheiten absolvieren.

Sport wird kompliziert

Beim Studium wurde dann alles komplizierter. So etwas wie Vorlesungssport gab es nicht, zumindest nicht in den Vorlesungsplan integriert. Das heißt, aus Sport-der-selbstverständlich-war-und-Spaß-machte, wurde Sport-um-den-man-sich-bemühen-musste-und-der-einfach-anstrengend-war. Und natürlich gab es während des Studiums auch viele Dinge, die durchaus interessanter waren, als sich im Fitness-Studio zu quälen… (Ich schwöre, ich habe es versucht, ich war tatsächlich ein paar Mal dort!).

Das heißt natürlich nicht, dass ich mich während der letzten 30 Jahre überhaupt nicht bewegt habe. Ich bin schon immer gerne spazieren und wandern gegangen. Aber es war halt kein richtiger Sport und es war auch – um ehrlich zu sein – viel zu wenig Bewegung. Aber soweit war alles in Ordnung. Schließlich habe ich mich nach dem Studium immer gesünder ernährt und habe es so geschafft, schlank zu bleiben. Und wenn man konsequent keinen Sport macht, merkt man ja auch nicht, dass man vielleicht nicht ganz so fit ist.

Auch als ich schon über 40 war, schaffte ich es noch relativ leicht, mein Gewicht zu halten. Und mit der richtigen Kleidung lassen sich auch die einen oder anderen kleinen Pölsterchen ganz gut verstecken. Bei uns Um-die-50-Jährigen scheint dann plötzlich alles gegen uns zu arbeiten. Genau genommen sind es nur unsere Hormone, die gegen uns arbeiten, aber das Resultat ist eindeutig: Das Gewicht nimmt zu und die Muskelmasse nimmt ab.

Und so sitze ich mit meinem inneren Schweinehund auf dem Sofa und denke darüber nach, welchen Sport ich denn gerne machen würde. Ins Fitness-Studio zu gehen, kommt für mich nicht in Frage. Mein letzter Versuch während des Studiums war nicht gerade von Erfolg gekrönt. Er endete damit, dass ich einfach nicht mehr hingegangen bin aber das Geld aufgrund der langen Vertragslaufzeit dennoch bezahlen musste (was sehr ärgerlich war, da Geld immer knapp war).

Ein Leben ohne Auto

Und dann begann vor fast zwei Jahren mein Sabbatical. Ich hatte mich entschieden, eine Weiterbildung zur Ernährungsberaterin zu machen und mir dafür ein Jahr frei genommen. Und ich hatte wirklich große Sorgen, dass ich nun richtig zunehmen würde. Schließlich musste ich jetzt nicht mehr jeden Morgen zur Arbeit gehen, und meine Hauptaufgabe bestand darin, am Schreibtisch zu sitzen und zu büffeln.

Um dies zu verhindern, habe ich zum einen mein Auto abgeschafft und beschlossen, zukünftig mehr zu Fuß zu gehen oder mit Bus und Bahn zu fahren. Zum anderen habe ich mir Laufschuhe (!!!) gekauft und mir fest vorgenommen, zwei, drei Mal pro Wochen zu joggen. Aber wie das so ist, blieb es mal wieder bei dem guten Vorsatz. (Wie oft in meinem Leben habe ich mir eigentlich vorgenommen, mit dem Joggen zu beginnen???)

Das war ärgerlich. Aber auf der anderen Seite war es sehr erfreulich, dass ich einfach viel mehr zu Fuß unterwegs war. Zwangsweise. Was ich zu Beginn häufig als Einschränkung erlebt, entwickelte sich zu einem echten Pluspunkt. Am Anfang meines Sabbaticals bereitete mir die Tatsache, dass ich nicht mal schnell mit dem Auto irgendwohin fahren konnte, häufig Stress. Schließlich hatte ich mich während der letzten Jahrzehnte daran gewöhnt, dass mein Auto immer bereit stand und darauf wartete, mich irgendwo hin zu fahren.

Die kleinste Reise beginnt mit einem ersten Schritt

Und dann wurde diese vermeintliche Einschränkung für mich zur großen Freiheit. Stück für Stück machte ich die Erfahrung, dass man in der Stadt zu Fuß oft genauso schnell unterwegs ist wie mit dem Auto. Häufig ist man sogar zu Fuß schneller. Und so ließ ich auch Bus und Bahn immer öfter links liegen und begann zu laufen.

Dann merkte ich, wie mir diese Bewegung gut tat. Dass ich mich einfach fitter und wohler fühlte. Und ich  begann dieses Bewegung im Alltag immer weiter auszudehnen. Kürzere Strecken ging ich zu Fuß und längere fuhr ich mit dem Fahrrad (in einer Stadt wie Stuttgart mit vielen Bergen ein echtes Fitness-Programm).

Immer mehr genoss ich es, mich zu bewegen und Zeit im Freien zu verbringen. Und wenn der Weg dadurch mal länger dauerte, so empfand ich es als Bereicherung. Schließlich blieb mir dadurch der Gang ins Fitness-Studio erspart und ich hatte fast täglich ein Zeitfenster für mich. Es ist einfach unglaublich, wie ruhig man wird und wie die Gedanken in Fluss kommen, wenn man mit sich alleine unterwegs ist.

Ab und zu schauten mich meine Laufschuhe, die immer noch unbenutzt im Schrank standen, vorwurfsvoll an. Aber ich schaffte es, diese einfach zu ignorieren. Schließlich bewegte ich mich mehr als je zuvor und war ganz zufrieden damit.

Bewegung oder Sport?

Und tatsächlich ist es unserem Körper ziemlich egal, ob wir Sport machen. Hauptsache, wir bewegen uns. Dabei sollten wir uns allerdings nicht nur im Schneckentempo fortbewegen. Es ist gut für die Kondition und das Herz-Kreislauf-System, regelmäßig ein wenig außer Atem zu kommen. Und es ist gut für unser Immunsystem, regelmäßig ins Schwitzen zu kommen. Dadurch reinigt sich unser Körper. Also, keine Angst vor Schweiß!

Es gibt viele Möglichkeiten, Bewegung in den Alltag zu integrieren. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Spaß an der Bewegung zunimmt, je mehr man sich bewegt. Also, so wie der Appetit mit dem Essen kommt, kommt der Spaß an der Bewegung mit der Bewegung selbst. Und es gibt so viele Möglichkeiten. Man kann

  • öfter mal das Auto stehen lassen und zu Fuß gehen,
  • mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren,
  • den Aufzug links liegen lassen und zu Fuß gehen (schnelles Treppensteigen macht wirklich fit!),
  • Hausarbeit selbst erledigen und nicht delegieren (jeder der schon einmal Fenster geputzt hat, weiß, was ich meine),
  • das Auto nicht direkt am Ziel, sondern weiter entfernt parken (das gleiche geht natürlich auch mit dem Bus oder der U-Bahn – einfach eine Station früher aussteigen),
  • sich mit der Freundin nicht im Café sondern bei einem Spaziergang treffen.

Es gibt vielfältige Möglichkeiten. Es ist völlig egal, womit man anfängt, Hauptsache man macht den ersten Schritt. Der zweite und der dritte fallen dann schon wesentlich leichter. Und jedes Mal, wenn man merkt, wie gut einem die Bewegung tut und dass man vielleicht schon ein wenig fitter geworden ist, ist das eine große Motivation dafür, den nächsten Schritt zu tun.

Aus Bewegung wird Sport

Und dann passierte es. Kurz nach Weihnachten fragte mich mein Mann, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm zu joggen. Er wolle etwas für seine Ausdauer tun. What? Ich dachte an meine Laufschuhe, die immer noch ein einsames Dasein in meinem Schuhschrank fristeten, und stimmte freudig zu. Und ob ich das wollte!

Was soll ich sagen? Der erste Lauf war ein Kampf. Ein harter Kampf. Die Luft war knapp und die Pausen waren lang. Aber ich hatte das Glück, dass meine Freundin freudig auf den Zug aufsprang. (Vielleicht hätten wir uns früher mal darüber unterhalten sollen!). Und so ging ich am Wochenende mit meinem Mann und unter der Woche mit meiner Freundin joggen.

Keine lange Strecke, knapp 4 km. Und die Strecke haben wir so gewählt, dass wir direkt vor der Haustür loslaufen können. Also so, dass wir quasi schon losgelaufen sind, bevor es unser innerer Schweinehund merkt. Am Anfang liefen wir zwei- bis dreimal die Woche. Bald stellt sich der Erfolg ein, und das Laufen wurde leichter. Und das gute Gefühl, ja die Euphorie, nach jedem Lauf nahm zu.

Einfach anfangen

Das Geheimnis besteht darin, einfach anzufangen. Und zu wissen, dass es reicht sich zu bewegen und dass wir uns nicht für einen bestimmten Sport oder gar ein Fitness-Studio entscheiden müssen. Der Spaß an der Bewegung kommt dann ganz von alleine. Einfach, weil wir Menschen für Bewegung geschaffen sind. Wir müssen nur unseren Weg von der Couch finden.

Inzwischen ziehe ich viermal pro Woche meine Laufschuhe an. Gleich morgens um sieben, wenn alle aus dem Haus sind. Wenn meine Laufpartner keine Zeit haben, laufe ich alleine. Denn ich laufe, weil ich es möchte und weil es mir einfach gut tut, und nicht, weil ich es soll oder muss. Und ich kann voller Stolz sagen, dass ich mit 50 Jahren zum ersten Mal in meinem Leben so richtig Sport mache.

Das Laufen hat nicht nur meinen Körper verändert (Ihr solltet mal meine Beinmuskeln sehen!), sondern auch meinen Meinung über mich selbst. Sport und ich sind keine unvereinbaren Welten (mehr). Sport und ich sind ganz normal, passen ganz gut zusammen und gehören genau so zum Alltag, wie morgens mit dem Fahrrad ins Büro zu fahren.

Das Schönste daran ist, dass wir Um-die-50-Jährigen so etwas können. Dass wir einfach alte schlechte oder inzwischen unliebsamen Gewohnheiten ablegen und etwas Neues anfangen können. Einfach so. Und unser alter, in die Jahre gekommener Körper macht das mit. Genauer gesagt, er macht das nicht nur mit, er freut sich sogar darüber. Und so liegt es einfach nur an uns, den ersten Schritt zu gehen und loszulaufen. In ein neues, glücklicheres und fitteres Leben!

Eva Ehehalt

Eva Ehehalt

Eva ist Ernährungsberaterin, Autorin und Bloggerin. Auf Ihrer Seite findet Ihr viele tolle Tipps und Rezepte: www.leckervital.com

3 Kommentare zu: »Ich mache keinen Sport – ich bewege mich nur«

  1. Wow, Eva bringt es genau auf den Punkt!!! Ich bin ebenfalls eine Um-die-50-Jährige und laufe seit dem Frühjahr regelmäßig drei Mal die Woche: einen Tag Lauftraining mit einer Laufgruppe (damit trickse ich meinen inneren Schweinhund aus, denn die Leute sind alle total nett und ich gehe auch mal an meine Grenzen, was ich alleine nie machen würde), einen Tag mit einer Freundin und das dritte Mal mit ein paar laufinteressierten Kolleg*innen. Durch diese Regelmäßigkeit habe ich so schnell Fortschritte gemacht und habe jedes Mal wahnsinnig viel Spaß. Außerdem ist der Sport für mich total stimmungsaufhellend – es ist wie eine Droge und tut so gut, ich kann es nur wärmstens empfehlen. Ich habe durchs Laufen auch ein wenig abgenommen und alles ist straffer geworden. Also, unsere Um-die-50-Körper sind ein irres Geschenk, noch super trainierbar und veränderbar – und dafür bin ich total glücklich & dankbar!

    1. Liebe Corina,

      das freut mich wirklich sehr, dass du auch so positive Erfahrungen mit dem Laufen gemacht hast. Ich denke, das Geheimnis besteht wirklich darin, einfach mal anzufangen. Der Spaß am Sport kommt wirklich mit der Bewegung.
      Und wir Um-die-50-Jährigen können einfach alles, wenn wir es wollen! 🙂
      Alles Liebe für dich!

      Eva

  2. Hallo,
    ich bin auch immer gern gelaufen, kein Joggen aber Nordic Walking ( im Sommer täglich 1-1 1/2Stunden). Das hat viel Spaß gemacht und ich musste auch keinen Schweinehund bekämpfen.
    Zu Beginn der Wechseljahre habe ich eine starke Fußwurzelarthrose bekommen, mit starken Schmerzen beim laufen. Ich bin froh, wenn ich überhaupt noch meinen Alltag bewältigen kann. Sport fällt seitdem flach und ich habe 20 kg zugenommen. Ich kann noch nicht einmal mehr Rad fahren wegen Schwindelgefühlen.
    Für mich ist mein Körper kein Geschenk und er verändert sich auch nur noch zum negativen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.