Im selben Boot

Was ist das mit dieser Mitte des Lebens? Warum scheint plötzlich vieles anders zu werden? Als würden wir in der ersten Lebenshälfte füllen, aufbauen, anhäufen und dann  – angesichts des großen Gewichts – kippt alles leicht zur Seite, läuft aus und wird kontinuierlich weniger. Das Gefühl von Endlichkeit, Leere, manchmal Lethargie und Kraftlosigkeit holt uns ein wie ein Déjà-Vu. Als würde eine emotionale Ahnung zur Gewissheit. Plötzlich ist neben dem Lebensglück auch eine Last, die einen zu erdrücken droht.

Uwe, mit dem wir seit Jahren lustige Partys feiern, hat diese Last erdrückt. Morgens ist er aufgebrochen zu einer Therapiestunde, nicht angekommen. Abends der Anruf zu Hause. Das Auto auf der Brücke, der Sprung in den Tod. Das Navi hat uns heute – von uns unbeabsichtigt – über diese Brücke geführt. Vor drei Wochen der Ort von Ausweglosigkeit und Tod. Heute ein klarer Sonnenuntergang, klare Farben. Alles friedlich. Zwei Spuren, kein Platz zum Anhalten. Einfach so – auf der Fahrbahn gestoppt und doch vollends aus der Spur geraten. 49 Jahre.

Auf der Beerdigung dreihundert Frauen und Männer. Alle ungefähr in diesem Alter. Einige Kinder. Ein außenstehender Betrachter würde sagen. Mensch, die haben es doch alle irgendwie geschafft. Im Beruf stehend. Familie, Hobbies. Häuschen, Garten, Urlaube. Aber an diesem Tag war da keine Selbstzufriedenheit. Was uns neben dieser unendlichen Traurigkeit einte, war ein Gefühl von Verunsicherung. Und der Wunsch, sich diesem Gefühl zu stellen.
Was wäre wenn? Kann mir das auch geschehen?  Nur zu sagen, das war doch eine Krankheit, Depressionen haben zum Glück nichts mit uns zu tun, das ist niemandem gelungen.

An diesem Tag war greifbar, was uns alle verbindet. Der Kampf der Lebensmitte. Der Blick zurück, ins Jetzt und nach vorn: Was haben wir geleistet, was uns aufgebaut? Sind wir damit glücklich? Wird das Glück zu einer Last, weil es plötzlich nur noch darum geht, es zu erhalten? Wo gilt es neu aufzubrechen?

Da war das Gefühl, wir sitzen alle im selben Boot. Mitten drin in diesem Lebenskahn. Frauen und Männer.

Da war das Gefühl von trauriger Hilflosigkeit, aber auch der Wunsch, sich im Leben einen Platz zum Anhalten zu suchen. Die Spur ruhig einmal zu verlassen, um in Ruhe zu reden. Das Bedürfnis nach Zeit, um sich genau dieser Zeit des Lebens zu stellen.

Uns Frauen ist es an diesem trüben Tag leichter gefallen, all diese Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen. Auch wenn Männer gern über unsere Wechseljahre scherzen, zumindest an diesem Tag waren sie neidisch, dass wir für die Irrungen und Veränderungen in der Lebensmitte einen Namen haben.

Wechseljahre bedeutet so viel mehr als Schweißausbrüche bei Frauen ab Mitte Vierzig. Sie holen uns unwiderruflich ein. Frauen und Männer. Und das ist gut so. Denn etwas, das uns verunsichert oder sogar Angst macht einen Namen zu geben, hilft. Wechseljahre heißt auch, sich zu besinnen auf etwas, das sich verändert.

Eine Spur zum zwischendurch mal Anhalten, Raum zum Innehalten – das wünsche ich euch allen von Herzen.

Grüße von Lisa

4 Kommentare zu: »Im selben Boot«

  1. Hallo Lisa
    Sehr guter Eintrag,spricht mir voll aus dem Herzen.Stehenbleiben und innehalten,
    zu sich selbst finden.Was für eine Aufgabe.Dazu fällt mir ein Satz ein.
    Die Toten öffnen den lebenden die Augen.
    Tine

  2. Gut so etwas mal zu lesen. Es macht aber nur traurig. Wo sind helfende Menschen, die auch verstehen ! Steckt man in dieser Krise, glaubt man es wird nie besser; es verschlimmert sich nur noch mehr. Hilfreiche wäre vielleicht, dass man ein Formun findet, in denen Frauen mit Frauen diskutieren und sich austauschen können. Habe leider bisher keines gefunden.

    1. Ja ich,würde mich auch riesig über ein forum,freuen. Leide seit kurzem,unter gefühlsschwankungen,weinatacken ,herzrasen, usw.komme damit überhaupt nicht zurecht. Und wirklich helfen tut nichts,hab ich das Gefühl, wenn man das so liest. Wie soll man da sein Leben meistern.

  3. Ja ich,würde mich auch riesig über ein forum,freuen. Leide seit kurzem,unter gefühlsschwankungen,weinatacken ,herzrasen, usw.komme damit überhaupt nicht zurecht. Und wirklich helfen tut nichts,hab ich das Gefühl, wenn man das so liest. Wie soll man da sein Leben meistern.

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