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Sein, Haben oder Machen?

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Wechselweib Heike erstickt in To-Do-Listen und Ideen. Dann trifft sie eine Freundin – und die hat ihre ganz eigene Antwort auf die Frage „Was machst du so?“…

Es gibt zwei Sorten von Fragen. Fragen, auf die wir eine ehrliche Antwort wollen – und Fragen, bei denen uns nichts mehr überrascht, als wenn wir wirklich eine bekommen. So ging es mir neulich, als ich an einem Sonnennachmittag im Straßencafé saß. Eine alte Freundin lief vorbei, sagte hallo, setzte sich zu mir. „Und was machst du so?“, fragte ich sie. Der übliche Smalltalk. Sie dachte einen Moment nach. Dann sagte sie: „Ich mach eigentlich gar nichts. Ich bin eher mit dem Sein beschäftigt.“

Ich kenne diese Frau schon mein ganzes Leben lang. Aber ich weiß wenig über sie. Es ist eine dieser seltsamen Launen des Zufalls, die uns vor ein paar Jahren nicht nur beide unabhängig voneinander in dieselbe Stadt am anderen Ende Deutschlands katapultiert hat, sondern sogar ins selbe Wohnviertel. Als Kinder haben wir zusammen Theater gespielt, dann haben wir uns aus den Augen verloren und erst Jahrzehnte später wiedergetroffen. Wenn wir auf der Straße aneinander vorbeilaufen, nicken wir uns zu und versichern pantomimisch, dass wir uns nun wirklich bald mal anrufen werden. Was wir nie tun. Wir sind uns vertraut, aber haben nicht mehr viele gemeinsame Themen.

„Ich bin mit Sein beschäftigt“. Erinnerungen stiegen an die Oberfläche meines Bewusstseins. „Haben oder Sein“, dieses Buch von Erich Fromm stand in allen Wohnzimmern, in denen wir damals als Kinder auf Polstergarnituren herumlümmelten, Versandhauskataloge durchblätterten, der trägen Zeit beim Verstreichen zusahen. Den Erwachsenen schien Fromms Frage entscheidend, uns Teenie-Töchtern nicht. Das pure Sein, das war kein Sehnsuchtsort, das hatten wir im Überfluss. Es war die Zeit vor dem Internet, vor Pushbenachrichtungen und Handys, vor Multitasking und mobiler Arbeit. Nie waren Nachmittage länger als 1982. Wie gut ich mich an diese seltsame Mischung aus Langeweile und unklarer Erwartung erinnere, die jederzeit in etwas umschlagen konnte: Plötzlich schrieb man ein sentimentales Gedicht, oder griff zum spinatgrünen Telefonhörer, oder entwarf eine Hose, die man dann doch nicht nähte. Das Sein und das Nichts, sie waren bei uns allen zu Hause. Und heute?

Ich glaube nicht, dass das reine Sein die pure Idylle ist. Auch nicht im Leben meiner alten Freundin. Auf der Straßencafébank erzählte sie mir von Krankheiten, davon, wie froh sie war, dass ihre Familie sie unterstützte. Ich wollte nicht weiter nachhaken, aber so viel verstand ich: Es ist keine rein freiwillige Entscheidung, dass es in ihrem Leben eher um Sein geht als um Haben. Oder um Machen. Trotzdem: Dieser Satz, hineingesprochen in den blauen Nachmittag, machte mich auf eine unbestimmte Weise sehnsüchtig. Weil darin eine ganz besondere Art von Freiheit steckt. Weil der Satz auch heißt: Allein dass wir da sind, dass wir existieren, macht uns wertvoll. Sein stiftet Sinn. Was bleibt von uns übrig, wenn wir weder zeigen können, was wir haben – Stichwort: mein Haus, mein Auto, mein Boot – , noch uns wortreich darüber auslassen können, was wir alles so machen? Brot backen, Abteilungen leiten, Elternabende organisieren, Romane schreiben – auch das letztlich nur Versuche, unser Leben mit Sinn aufzuladen. Vielleicht ist das gar nicht nötig. Jedenfalls nicht immer und überall. Irgendwann stand ein Kellner vor uns. „Und?“, fragte er, „nur Sonne, oder auch Getränke?“ Es dauerte eine ganze Weile, bis ich darauf eine Antwort fand.

1 Kommentar zu: »Sein, Haben oder Machen?«
  1. So zutreffend! Die Schilderung des Seins anno 1982 passt genau zu meiner emotionalen Erinnerung. Das ständige Nachweisen der berechtigten Existenz vor allem durch produktives Machen lähmt mich zunehmmend. Der Kommentar des Kellners göttliches Schlusswort!

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