Netzpartner die Zweite oder: Die Veränderung

Es sagt sich so leicht: Ich such mir jetzt einen Mann im Internet, bezahl dafür Geld, dass ein Computerprogramm nach Parallelen sucht, Harmonie ausrechnet und Entfernungen berücksichtigt. Das klingt alles deppeneinfach, ist es aber nicht. Ich habe vergessen gehabt, dass das eine höchst emotionale Angelegenheit ist, so eine Partnersuche. Ob im Netz oder am Tresen gleichermaßen.

Ich habe mich in den letzten Wochen verändert. Habe viel über mich gelernt. Gelitten, gelacht, geweint, gestaunt, Schritte gemacht. Ich habe festgestellt, dass das keine klare, kalte Internetangelegenheit ist, sondern, dass ich es mit Menschen zu tun habe, die ja nichts anderes wollen als ich auch und dementsprechend reagieren. Damit habe ich irgendwie nicht gerechnet, dass Männer ihren eigenen Schädel haben!

Nachdem ich drei Tage lang im Pool der potenziellen Partner gewühlt hatte, bekam ich eine nette Nachricht von einem Mann, der mir auf Anhieb sympathisch war. Siehste, dachte ich, so macht man das, man meldet sich da an, nach drei Tagen hast du wen, bei dem bleibst du jetzt und dann Abmarsch, raus aus dem täglichen Gucken, zugeballert werden mit Infos per E-Mail: „Es bleibt spannend, XXKLM345 schickt Ihnen eine neue Nachricht“, „Sehen Sie gleich nach, GBPKP304 hat soeben Ihr Profil besucht“. Das nervt, weil es dich heiß machen soll. Dann hast du keine andere Wahl, gehst auf das Profil von XXX und weißt, dass der nun ebenfalls die Info bekommt, dass KKK sich für ihn interessiert. Obwohl du sofort feststellst, ne, geht gar nicht. Und wenn du das zweimal am Tag machst, weil es sich so ergibt, dann glaubt der andere, du interessierst dich wirklich für ihn. Umso peinlicher, wenn es tatsächlich so ist, weil du willst ja nicht gleich so uncool rüber kommen! Es ist äußerst vertrackt!

Man typing love text messages on a smartphone for Valentine's da

Nun, also der Erste bei Parship war intellektuell, charmant, gut aussehend, groß. Er fand mich toll, machte mir Komplimente und fuhr erst einmal in Urlaub. Danach schrieb er wieder, aber treffen wollte er mich auch nicht sofort. Erst telefonieren. Aha, er will meine Stimme hören, bevor er mich trifft. Ich rief ihn an, bin in Hamburg, Kaffee? Es irritierte ihn, dass ich so schnell voran ging. Meinetwegen, seine Antwort. Das irritierte mich wiederum. Er brauchte offensichtlich sein eigenes Prozedere.

Es war dann aber sehr nett, ich hatte ein gutes Gefühl, wollte ihn wieder sehen, schrieb ihm gleich danach eine liebe Mail, zurück bekam ich das Gegenteil davon. Er hatte Signale empfangen – nicht gut, schade, aber die Signale, leider negativ.

Die Whats-App Gruppe „Suchtrupp“ wurde aktiviert, doch nun mussten meine Freundinnen das Theater ertragen. Zwei Tage hat es gedauert, dann war ich darüber hinweg, aber nur, weil sich jemand anderes bei mir gemeldet hatte, der noch interessanter war. Nun ging das wieder los, wir schrieben zwei Wochen hin und her, er lebte zu dieser Zeit im Ausland, war ein paar Jahre älter (er lebt noch, trotzdem schreibe ich in der Vergangenheit, weil er für mich gestorben ist), es schien formidabel!

Nebenher – das darf man nicht vergessen – schrieb ich die ganze Zeit mit anderen Männern, nette Absagen, kurzen Schlagabtausch, zwei, drei von ihnen auf die Wartebank geschoben, falls das nun doch wieder nichts wird, damit man was zum darauf zurückgreifen hat.

Ich fuhr ein paar Tage nach Schweden, war für ein Wochenende nicht erreichbar und fieberte meinen Nachrichten entgegen. Ich erkannte mich selber nicht mehr, mein Computer hatte einen neuen Stellenwert in meinem Leben eingenommen. Er war der Vermittler von Komplimenten geworden. Mein Verbündeter, dessen klassischer Applegong beim Einschalten einen Kälteschauer durch meinen Leib jagte.

Es blieb spannend, wir wollten uns unbedingt treffen, wenn er in zwei Wochen zurück kommen würde. Doch als ich ihn nach seinem Nachnamen fragte, gestand er mir, dass (im Falle ich ihn googeln sollte), er sich jünger gemacht hatte. Um sieben Jahre! Ich wusch ihm darauf anständig den Kopf, hielt ihm einen Vortrag über Immanuel Kant, erhob meinen Zeigefinger und nahm das Wort Verarschung zu Hilfe. Das gefiel ihm nicht so. Erst meinte er noch, ich solle mich entspannen, ist doch nicht so schlimm. Ich habe ihn mit Herzinfarktvorstellungen konfrontiert und gebeten, mir zu überlassen, wann ich entspannt bleiben will.

Aber dann bin ich weich geworden. Sch.. auf das Alter, sagte ich mir, du hast ihn schon ins Herz geschlossen, verzeih ihm. Das tat ich, nicht ohne ihm nochmal seine kriminelle Energie vorzuhalten. Naja, das wars dann. Er hat zugegeben, dass es ein Fehler war und mich gelöscht. Das tat weh, das hat dann drei, vier Tage gedauert. Dann war ich drüber hinweg dank eines sehr attraktiven viel jüngeren Mannes. Nach einer Woche (Gott sei Dank so bald!) hat er mir erzählt, er will sich schnell treffen, denn er hat eine Freundin, mit der er nicht mehr glücklich ist, und solange er niemand neues hat, will er sie aber nicht verlassen, also bitte, hopp hopp!

Ich habe nach gefühlten hundert Mails an verschiedene Männer endlich akzeptiert, dass die alle auch schon ein Leben hinter sich, ihre Sozialisation, Erfahrungen gemacht, Enttäuschungen erlebt haben, die man niemals nicht außer Acht lassen sollte, liebe Damen. Und man muss großzügig sein. Zu sich selber genauso wie zu den Männern, die auch nur arme Würstchen sind – wenn sie es nötig haben, sich jünger zu machen, oder sich als attraktiv hinstellen und dann 154 groß sind, Rubensfigur und Piepsstimme haben – sie wollen alle nur geliebt werden. Und die müssen auch ihre Erfahrungen machen mit uns Frauen, ich bin mir sicher, da sind einige dabei, die noch nie eine direkte Frau erlebt haben, und die schockiert sind, wenn man sie danach fragt, ob sie Medikamente nehmen.
Man muss einen Mittelweg finden: die Medikamente raus schmeißen, eigene Bedürfnisse ruhig formulieren. Bei sich bleiben, nicht zu früh Emotionen aufkommen lassen, zugucken, auf Abstand bleiben solange man sich nicht gesehen hat. Denn ohne denjenigen zu riechen, sehen, hören kann man gar nichts, absolut nichts über ihn aussagen.

Das habe ich gelernt, und dass ich irgendwann jemanden treffen werde, der es mag, dass ich so direkt bin, dass es manchmal weh tut.

Eure Gudrun

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