Trennungsschmerz bedeutet auch, dass man noch lebt!

„Ich liebe dich nicht mehr. Ich kann und will so nicht weiter machen.“

Es ist Anfang September, ich habe viel zu tun, mehrere Projekte sind zu bewältigen, eines davon mit einem Mordsbammel, weil ich keine Ahnung habe, ob ich das überhaupt schaffe. Seit einem Jahr plane ich mein neues Leben ohne Kinder, seit 28 Jahren bin ich das erste Mal mit meinem Mann allein im Haus, feue mich darauf, weil ich glaube, dass wir endlich Zeit für uns haben werden. Zwei Wochen nach dem Auszug unserer Tochter dann der Satz, der hier am Anfang steht und für mich erst einmal das Ende bedeutete. Ein Schlag ins Gesicht, zwei in die Magengrube und ein Würgegriff um mein Herz, dass mir die Spucke wegbleibt.

Hab ich was verpasst? Die Zeichen falsch gedeutet? Bin ich doof? Blauäugig ins vermeintlich sichere Boot gestiegen, ohne mich um einen Schwimmreifen zu kümmern? Wann hätte ich das tun sollen? Schon bei der Hochzeit? Vor einem Jahr, seit wir uns nach einem Streit nicht mehr wirklich versöhnt haben? Niemand hat mich davor gewarnt, wie weh das tun würde, wie kalt das Wasser ist!

Ich habe mich inzwischen gefangen. Ohne Therapie. Ich habe es geschafft, weil es letztendlich ganz einfach ist. Ich will, dass es mir gut geht. Punkt. Ich bin kein Jammerlappen, ich bin kein Opfer, ich habe noch viele Jahre vor mir (hoffentlich). Jahre, die ich nicht mit Ärger, Wut, Ängsten und Vorwürfen verbringen möchte.

Aber wie schafft man es, diesen Klammergriff ums Herz loszuwerden? Es gibt tausende Bücher, die vor allem etwas wollen: helfen. Und verkauft werden, okay, ein angenehmer Nebeneffekt. Oder ist es umgekehrt? Doch nirgends finde ich einen Hinweis darauf, wie man eins, zwei drei, schmerzfrei wird.

Ich weiß, wie man mit einem Schraubschlüssel, einem Hammer oder einer Zange etwas gerade biegt, Nägel entfernt und windschiefe Vogelhäuser baut. Okay, ein brachialer Vergleich, aber Herzschmerz zu entfernen ist ungleich schwieriger, wesentlich gröbere Kräfte sind da am Werk!

Eines der Bücher hat mir tatsächlich geholfen: Der Healing Code. Dreimal am Tage mache ich diese Übungen, danach geht’s mir jedesmal besser! Der wichtigste Aspekt dabei: Man muss auf sein Herz hören. Klingt einfach, logisch, etwas theatralisch vielleicht, aber wer in der Lage ist, aus den hintersten Ecken seines Bewußtseins schöne Erinnerungen hervorzukramen, oder noch einfacher: an seine Kinder denkt, kann sich während der Übungen innerhalb von Sekunden wohl fühlen. Das funktioniert wirklich! Bei mir jedenfalls. So hat jede/r ihre/seine Methoden, mit denen sie/er sich aus der Sch… ziehen kann. Da will ich niemandem etwas aufschwatzen. Aber einen Versuch ist es wert!

Ich kann mit meinem Mann immerhin ruhig über alles reden, vertraue darauf, dass er mir nichts Böses tun will, das wiederum hilft ihm, mir gegenüber weich zu sein und die Messer nicht zu wetzen.

Ja, da sind Verletzungen, und ja, auch ich habe ihn verletzt. Aber je kälter die Tage werden, umso wärmer wird mir, weil ich daran glaube, dass es gut ist, wie es ist. Veränderung ist wichtig, Bewegung und Steine im Weg habe ich fast lieb gewonnen. Ach, eine Stufe, na, dann nix wie rauf. Oh, ein Graben, hopp, rüber geht’s! Jesus, Maria und Josef, ein Massiv! Bergschuhe an und einfach losgehen, irgendwann bin ich drüben. Ich lebe! Wer sagt, dass das Leben immer Spaß macht? Ich leide, also lebe ich. Tote haben keine Schmerzen.

Schöner Effekt, mit dem ich nicht gerechnet habe: Männer gucken wieder nach mir. Hab ich das vermisst! Dieses natürliche Paarungsverhalten! Manchmal denke ich, mit so einer alten Schachtel will doch nicht mal ein Achtzigjähriger etwas anfangen. Tja, wenn ich so denke, dann ist es auch so.

Mal sehen, noch hab ich kein Bedürfnis nach einer neuen Beziehung. Aber es tut gut, wenn man bemerkt, dass man noch eine Spur im Rennen hat!

Frohe Weihnachten!

Eure Gudrun

 

 

4 Kommentare zu: »Trennungsschmerz bedeutet auch, dass man noch lebt!«

  1. Liebe Gudrun,
    ich bin sicher, du sprichst jetzt ganz vielen Frauen, die Ähnliches durchlebt haben, zutiefst aus der Seele. Nein, ich weiß es! Und du hast noch ein großes Plus: Du kannst über das schreiben, was in dir vorgeht, du stehst zu deinem Schmerz und allem, was dazugehört. Damit schaffst du Klarheit, reinigst die Situation aus dem Innersten heraus, ohne um Hilfe zu schreien (wobei auch das erlaubt ist). Du bist so quietschlebendig wie vielleicht nie zuvor und das wird dir neue Türen öffnen. Alles Gute für deine nächsten Schritte. Mein nächster Schritt: Ich recherchiere nach dem von dir empfohlenen Buch.
    Deine Ruth

  2. Liebe Gudrun,
    es wird sicherlich ein Weg mit einigen Holpersteinen den du noch gehen musst, ich glaub an dich, du wirst es schaffen. Das Buch, gute Freunde und Familie sind bei Dir. Mein Mann liest das Buch schon mit voller Begeisterung, ich freu mich.
    Deine Sybille

  3. Hallo liebe Gudrun,
    ja der Schmerz, auch ein Lebenszeichen und ein Gefühl. Mir erging es so, dass erst tonnenschwere Last abfiel und dann kam der Schmerz erst später und der kommt immer noch mal ab und an. Alles in allem viel Leid und den Zeitpunkt zu finden , wenn es besser ist ohne den Mann zu leiden oder mit ihm, ist Ermessenssache. Eben manchmal mit ihm mehr und das zu merken,tut dann doch gut ! Da bist du, denke ich, mittlerweile. Ich wünsch dir alles Gute für die Zukunft und leichtes lösen der noch anstehenden Dinge bis zur kompletten Freiheit !
    Herzlich Gisela

  4. Liebe Gudrun,
    „ich liebe dich nicht mehr“ – was bedeutet dieser Satz? Den zweiten verstehe ich sofort. Ich kenne dich / euch nicht gut genug, um mir ein Bild von eurer persönlichen Tragödie zu machen. Deshalb erwarte bitte keinen Trost von mir. Häufig geht mir aber dieser Satz durch den Kopf. Du denkst darüber nach, wann der Schalter kippte, aber nützt dir das? Ist es überhaupt ein Trennungsgrund, wenn man sich nicht mehr liebt? Vielleicht ist es nur eine Phase – wer weiß das schon? Kann Liebe überhaupt anfangen und dann irgendwann aufhören wie ein 1000-Meter-Lauf? Ich kann nicht beurteilen, ob es sich lohnt, nach verborgenem Feuer zu suchen oder die Glut endgültig totzutreten. Dieser Satz ist wie ein Fallbeil, verbietet Alternativen und macht die Suche nach neuen Möglichkeiten schwer. Der zweite Satz gefällt mir. Wenn es „so nicht weitergeht“, dann eben anders, und darüber schreibst du ja auch. Das Leben geht weiter, nur anders und bald auch wieder irgendwie anders schön.
    Liebe Grüße Jutta

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