Auf die Palme, fertig, los!

Da hat sie sich aber gefreut, meine Freundin Petra, als ich ihr gestanden habe, dass ich manchmal Mord für eine gute Idee halte. Sie, deren schlechte Laune ihre Freundinnen dazu gebracht hat, einen Petra-Vermeidungsclub (PVC) zu gründen, hasst mich seit einem Jahr dafür, dass ich ihr immer wieder sage, es sei doch alles halb so schlimm und außerdem nur ungesund, sich über Kleinigkeiten aufzuregen. Natürlich ist ihr bewusst, dass Wechsel bloß wechseln bedeutet und nicht aus und vorbei. Aber auf gute Ratschläge will sie verzichten, sie, die „Glückliche“, die allein lebt.

Frau auf der Palme
Seufz, warum gibt’s nicht solche Palmen hier ums Eck zum Hochjagen lassen…

Und nun beschreibe ich Petra ein Gefühl, das sie sehr gut kennt. Klar, dass sie begeistert ist. Allerdings zeichnet sich in meinem Fall eher ein Vermeidungsclub in meiner Familie ab.

Mein inneres freundliches Lamm mutiert zu einem mordlustigen Wolf, und heraus kommt Ziegengemecker vom Feinsten. Mich stören die Brösel morgens in der Küche, weil Jugendliche immer hungrig sind und NIE Brotbrösel wegwischen. Ich werde extrem stinkig, wenn zehn Paar Schuhe auf 9 m2 verteilt sind, wo wir doch einen Schuhschrank dafür haben. Und warum, bitte sehr, sind meine Haare schon wieder so stumpf, hä?!

Natürlich ist mir klar, dass alles halb so schlimm ist, und es ungesund ist, sich über Kleinigkeiten aufzuregen. Aber warum ist mein Kopf nicht in der Lage, das meinem Bauch mitzuteilen!?

Wenn der Gatte vergisst, Taschentücher mitzubringen, dann doch nur, weil ich es ihm nur dreimal gesagt habe. Ein Hund hat ein Erinnerungsvermögen von 3 Sekunden, warum sollte sich da ein Mann merken, was ich vor drei Stunden dreimal gesagt habe? Er ist ja auch nur ein Mensch. Wenn der Neunzehnjährige den Grill im Stadtpark vergisst, dann doch nur, weil die anderen schon so betrunken waren, und ich ihm überhaupt erst erlaubt habe, den Grill mitzunehmen. Also: Mein Groll ist selbst gestrickt.

Und trotzdem: Ich habe früher viel entspannter reagiert. Oder besser: adäquat. Rüge ja, Gemecker nein.

Heute habe ich schlecht geschlafen, Sorgen tauchten auf, die zu lösen es am Tag auch gereicht hätte. Früher konnte ich nachts schlafen und tagsüber den Alltag meistern. Immer öfter bin ich unausgeschlafen und grantig. Noch hasse ich meine Mitmenschen nicht, noch hab ich keine Angst davor, nicht mehr zurecht zu kommen. Aber dass ich aufpassen muss, in Zukunft nicht als Ziege gesehen zu werden, ist mir schon klar. Aber: Es ist so verdammt schwer, nicht zu beißen, wenn man den Jagdinstinkt nun mal in sich hat. Ich kann meinen Hund gut verstehen, auch wenn er sich nach 3 Sekunden nicht mehr daran erinnert, was er eigentlich tun soll, außer den Hasen zu jagen. Ich bin ja auch nur ein Mensch.

Ich glaube ja, die 10 Gebote sind zum Schutz für die Männer geschaffen worden. Wir Frauen mussten uns wohl beherrschen lernen, damit wir nicht ausstarben. Einmal im Monat (Ha, der Mond ist schuld!) wurden Männer stranguliert und die Brut gebissen, da musste etwas geändert werden! Es konnte nicht angehen, dass die Weiber ihre Männer mit einem Faustkeil erschlugen, nur weil diese mit Mammutblut in ihrer Höhle kindische Zeichnungen an die Wand schmierten. Sie mussten wieder alles weg putzen, obwohl sie es auch hätten stehen lassen können! Die Geschichte zeigt, dass es damals nur sehr wenige entspannte Frauen gab, die die Schmierereien ihrer Männer stehen gelassen haben (siehe: Höhle von Lascaux).

Und wenn die Frauen überhaupt so alt wurden, dass sie in den Genuss eines Wechsels kommen konnten, musste man wenigsten keine Angst mehr vor ihren Zähnen haben, denn sie hatten keine mehr.

Im Volksmund heißt es: ein schwaches Nervenkostüm haben. Im Buddhismus spricht man davon, seine Mitte nicht finden zu können. Ich kann beides unterschreiben – mein altes Kostüm platzt aus den Nähten, weil der Stoff schon so dünn ist, und meine Mitte nicht mehr da ist, wo sie sein sollte.

Aber das regt mich nun überhaupt nicht auf, verdammt noch mal!!!

Ihre Gudrun

5 Kommentare zu: »Auf die Palme, fertig, los!«

  1. Liebe Gudrun,

    witzig, hitzig, spritzig und (etwas) ironisch, wie immer!

    Ich mag deine Geschichten! Sie bringen mich zum Lachen
    und dafür danke ich dir!

    Bussi
    Melitta

  2. Hmm … was mich auf die Palme bringt? Ich erstelle gerade eine innere Liste, die erstaunlich lang wird und scheinbar kein Ende nimmt. Dabei würde das keiner von mir denken. Von mir, einer rein äußerlich sanftmütigen, gelassenen Frau, den gefürchteten Wechsel nahezu hinter sich gebracht, die Mitte weich umspielt von kleinen Fettpölsterchen. Früher bin ich oft auf diverse Palmen gekraxelt. Die Reaktion der Betroffenen (Ex-Partner, Familienangehörige, Ämter, Chefs etc.): völliges Unverständnis bis eiskalte Ignoranz. Die Folge: Ich fühlte mich noch mehr als einsame, verzweifelte Wölfin. Mein Geheimrezept heute? Ich nutze den Wald als Palmenhain, als Energiequelle und Abreaktionszentrum, mein Therapeut hat mir sogar einmal nach einem erlittenen Unrecht empfohlen, mich mit lautem Schreien und gleichzeitigem kräftigem Schlagen eines Holzstückes auf einen Stein von meinen inneren Qualen zu befreien. Es hat geholfen!
    Gegen gelegentliches, zielgerichtetes Gemecker ist aber grundsätzlich nichts einzuwenden, meint sogar die buddhistisch angehauchte Schreiberin dieser Zeilen.

  3. hallo gudrun, Deine erläuterung der höhlenmalereien ist sehr witzig! habe mich grade herrlich amüsiert.
    dass Dich petitessen Deiner mitbewohner immer mal wieder auf die palme bringen, kann ich verstehen. man wird ja im laufe der dekaden nicht dickfelliger sondern dünnhäutiger.

    da ich zu den ‚glücklichen‘ alleinlebenden gehöre, muss ich mich weder über herumfliegende fußnagelschnipsel nach der pediküre meines partners ärgern noch über mäkeleien der kinder über das miese mittagessen oder spuckereien des hunds im wohnzimmer.
    und so hat sich bei mir in den vergangenen wenigen jahren der gegenteilige effekt eingestellt: mich bringt nichts mehr so schnell auf die palme, sondern ich erlebe die marotten anderer inzwischen als interessanten individuellen ausdruck ihrer persönlichkeit. und so nehme ich inzwischen auch wahr, wie der taxifahrer, der typ an der tankstelle oder die inhaberin des kiosks meiner wahl so drauf ist.

    ein konkretes beispiel: auf meiner etage wohnt eine frau (ca. mitte 40), die immer mind 2 – 3 paar abgerockte schuhe vor ihrer tür stehen hat. krumm und schief abgestellt, abgetretene absätze, ungeputzt, tw. echt gammelig. selbst heute im hochsommer parkt sie lederstiefel im hausflur!
    mir wäre es sooo peinlich der nachbarschaft meine ungepflegten treter zu präsentieren! daran laufe ich nun täglich mehrmals dran vorbei und ärgere mich meistens über ihre unverfrorenheit … doch bevor ich auf die palme gehe, fällt mir ein, mich selbst zu fragen, was mich daran eigentlich immer wieder so stört und daß es mir doch egal sein kann, wie sie ihren eingang verunstaltet. schrullen der mitmenschen sind doch oft einfach witzig!

    für Deinen gatten empfehle ich die traditionelle einkaufsliste.
    und von den zehn paar schuhen würde ich jeweils den linken verstecken und dann mal abwarten. its never too lat to learn!
    good luck wünscht brigitte

  4. hallo 🙂
    ich musste ein paar mal doch herzlich lachen beim lesen. alles was da beschrieben wurde, passt auch zu mir und auch ich versuche die ganze wechsel geschichte mit humor zu sehn. nur immer klappt das leider nicht.
    wenn komische gedanken kommen wie: leb ich noch lange genug um meinen enkel aufwachsen zu sehn? gefolgt von: himmel nochmal, warum kann mein mann seine messer und brettchen nicht in die spülemma räumen, sehe ich alt aus, verdammt schon wieder über seine schlappen gestolpert, ich krieg falten hilfeeee, warum vergisst er 2 von 3 dingen die ich ihm gesagt hab? und und und… die liste könnte beliebig fortgesetzt werden.
    fakt ist einfach das es mir oft mies geht und auch oft richtig gut, was eben von der tagesform abhängt oder wie ich geschlafen hab.
    wenn ihr die palme gefunden habt, schickt mir bitte einen ableger, damit ich dann von oben kokosnüsse auf meine nervenden mitmenschen werfen kann.

    in diesem sinne: haltet durch es kann nur besser werden 🙂

    Annette

  5. Hallo meine Lieben,
    wie gut es tut, dass es anderen genau so geht 🙂 und ich dachte, ich verliere so langsam meinen Verstand und erlebe den Anfang von Alzeimer oder dergleichen!

    Ich mache meinem Sternzeichen gelegentlich alle Ehre und brülle genauso wie ein Löwe 😉 und das ich!!!!! Und sowas passiert mir, wo ich brüllen und ausrasten noch nie leiden konnte und je lauter jemand wurde, desto leiser wurde ich!

    Und nun denke ich: „OK! Ich bin nicht krank und werde nicht verrückt – es könnten die…..unter 20 Jahre würde man sagen, die Flegeljahre oder Zickenjahre eines Teenagers (hört sich übrigens hübscher an als Wechseljahre!!)…… sein……

    Da es ja leider in unseren Breitengraden keine Palmen gibt (sehr schade übrigens!) versuche ich mich mit joggen, Radl fahren, walken….. abzureagieren und auszupowern, so wird ein brüllender Löwe auch wieder ganz zahm 😉 und ausgeglichen….. aber am aller schönsten ist einfach ausschlafen 🙂 und diese Zeiten an dem es mir einfach wunderbar geht und ich die Wolke 7 gemietet habe…..

    Ich hoffe, dass diese herrliche bescheidene Zeit nicht ewig dauert, denn normal sein finde ich auch ganz toll 🙂

    Wie auch immer, durch müssen wir und alles hat auch mal ein Ende 😉 wir sind guad – wie immer!

    Liebe Grüße

    Emma

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