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Wieso scheinen Frauen ab 45 unsichtbar?

Frau im Büro in einer Führungsposition

Zugegeben, diese Frage wirkt auf den ersten Blick ziemlich provokant. Aber ist sie das wirklich? Oder trifft sie nicht vielmehr genau das, was Frauen jenseits der 45 – vielleicht nicht täglich und nicht immer offensichtlich – in ihrem Alltag erleben? Und ist das nicht die Fortsetzung eines Gefühls, das sie eigentlich im Erwachsenenalter ständig begleitet? Es lohnt sich zumindest, sich mit diesem Thema etwas genauer zu beschäftigen, um zu beleuchten, ob und in welcher Form Altersdiskriminierung im Alltag aussehen kann.

Dass sich die Rolle der Frau in den letzten ca. 60 Jahren deutlich verändert hat, steht wohl außer Frage. Früher die typische Hausfrau und Mutter, die sogar eine schriftliche Erlaubnis von ihrem Mann brauchte, wenn sie arbeiten gehen wollte, ist dieses Bild heute kaum noch vorstellbar und auch wirtschaftlich gesehen in der Regel nicht mehr machbar. Und obwohl Frauen gleiche Leistungen wie ihre männlichen Kollegen erbringen, erhalten sie weniger Anerkennung, oft weniger Bezahlung, werden bei Beförderungen häufig übersehen und finden jenseits der 45 irgendwie schon gar nicht mehr statt.

Hinter der Angst vorm Altern steckt bei Frauen zumeist also nicht die Sorge um die eigene Gesundheit, sondern häufig die Befürchtung, auch an gesellschaftlicher Sichtbarkeit zu verlieren. Nicht ganz unbegründet, denn in Medien und Öffentlichkeit finden Frauen ab einem bestimmten Alter oft gar nicht
statt. Wieso ist das so? Und was muss sich bzw. müssen wir Frauen selbst ändern, damit insbesondere Frauen 45+ in der Gesellschaft und der Arbeitswelt sichtbarer werden?

Stehen Frauen karrieretechnisch von Anfang an in der 2. Reihe?

Interessanterweise muss Diskriminierung von Frauen nicht immer offensichtlich stattfinden, sondern begegnet uns im Alltag – und wird als solche von vielen Frauen sicher nicht einmal wahrgenommen. In der Schule läuft noch alles seinen gleichwertigen Gang. Erst nach Ausbildung oder Studium machen sich die ersten Unterschiede zwischen Mann und Frau bemerkbar.

In den Zwanzigern hören Frauen (und auch sicher einige Männer) oft, dass sie für eine bestimmte Position einfach noch „zu jung“ seien und die entsprechende Verantwortung noch nicht übernehmen können. Während Männer allerdings einige Jahre später alle Aufstiegschancen nutzen können, ist es für Frauen dann im Prinzip schon vorbei. Denn jetzt drohen sie eine Familie zu gründen und schwanger zu werden. Diesen möglichen Ausfall zusammen mit der Pflicht, den Arbeitsplatz vorzuhalten, scheuen viele Arbeitgeber.

Die „sicherere“ Bank ist da natürlich der männliche Kollege, denn es liegt nun einmal in der Natur der Sache, dass nur Frauen gebährfähig sind. Während Männer auch als Väter weiter ihren beruflichen Weg ungehindert beschreiten, sind es dann zumeist die Mütter, die zuhause bei den Kindern bleiben, solange diese noch klein sind. Maximal ein Teilzeitjob ist ab dem Zeitpunkt drin, wenn die Kleinen in eine Betreuung kommen. Aber sobald das Kind krank ist, fällt zumeist auch die Mutter aus.

Das klassische Rollenbild hat sich dahingehend nur wenig geändert. Was sich für die Mütter aber deutlich geändert hat: Statt früher „nur“ Mutter zu sein, leben sie in der heutigen Zeit in der Regel mit der Doppelbelastung Mutter und Arbeitnehmerin. Ein Spagat, das Frauen unglaublich viel abverlangt und eigentlich jedem klarmachen müsste, dass Frauen gute Projektplanerinnen, Organisatorinnen und Managerinnen sein müssen, um das reibungslos zu bewältigen; aber leider ist das Gegenteil der Fall.

Warum Frauen nicht nur schlau, sondern vor allem auch schön sein sollen

Wer kennt die Antwort nicht: „Weil Männer besser schauen als denken können“. Aber im Ernst, neben der gefühlten (und wohl auch häufig zumeist tatsächlichen) Irrelevanz, was die berufliche Karriere angeht, stellt sich die Frage: Wie wird Frau denn dann definiert (nicht zu verwechseln mit „Wie definiert Frau sich selbst“)? Von klein auf lehren uns die Medien, wie Frauen zu sein haben. Dabei spielen nicht mehr Fähigkeiten im Haushalt oder als liebende Ehefrau und fürsorgliche Mutter etc.. eine
entscheidende Rolle, sondern vielmehr fokussiert sich alles auf die Optik und Optimierung.

Da geht es um straffe, geschmeidige Haut, dichtes, glänzendes Haar, einen möglichst flachen Bauch, möglichst festes Gewebe an Oberarmen und Oberschenkeln, Fitness, Lifestyle usw. Hauptsache optimieren. Und damit noch nicht genug, wird uns gezeigt, wie top gestylt und mit einem Lächeln der Familienalltag inklusive fototauglicher Mittagsgerichte problemlos zu bewältigen ist und am Abend der Ehemann (natürlich noch einmal in neuem, schicken Outfit) interessiert und liebevoll begrüßt wird, um ihm einem entspannten Abend zu bereiten. OK….vielleicht ein wenig übertrieben, aber seien wir mal ehrlich:

Neben der unglaublich erfolgreichen, selbstbestimmten und unabhängigen wunderschönen Frauen, die uns präsentiert werden (bzw. die sich selbst präsentieren), zeigen uns die Sozialen Medien – insbesondere auch Influencerinnen – häufig genug auch das erstgenannte Frauenbild. Und auch wenn wir eigentlich wissen, dass hinter dieser „Zurschaustellung“ des Optimalen nicht alles Gold ist, was glänzt, all das Gezeigte oft genug gestellt und nicht Realität ist: So ein bisschen nagt es doch an uns und bewegt uns dazu, dieses Optimum erreichen zu wollen. Was für ein unnötiger Druck und vor allem: Was hat das mit einem modernen Frauenbild zu tun?

Was bedeutet Schönheit mit 45 Plus

Diese Präsentation der Ideale in Lebensstil sowie Aussehen und das Ziel, auch mit fortschreitendem Alter möglichst „jung“ auszusehen – weil jung gleichgesetzt wird mit leistungsfähig oder dynamisch – baut einen extremen Druck auf. So bemühen sich viele Frauen darum jünger zu wirken als sie sind, um attraktiver zu gelten. Und dabei geht es ihnen nicht in etwa um ihr persönliches Wohlbefinden, sondern darum, der in unserer Gesellschaft tief verankerten Botschaft zu genügen: Nur wer jung aussieht wird wahrgenommen und wertgeschätzt.

So wundert es nicht, dass mehr als die Hälfte aller Frauen unzufrieden mit dem eigenen Aussehen bzw. Körper ist. Eine alarmierende Zahl, die verdeutlicht wie stark äußere Schönheitsideale auf das Selbstbild wirken. Anstatt die eigene Individualität wertzuschätzen, vergleichen sich viele mit medial vermittelten, oft unerreichbaren Vorbildern. Dennoch versuchen viele Frauen den propagierten Idealen mit radikalen Diäten, extremen Fitnessprogrammen oder auch operativen Eingriffen nahe zu kommen.

Jugendliche Makellosigkeit als alleiniges Schönheitsideal macht gesundes Altern also schwer, wenn nicht nahezu unmöglich. Zum Glück gibt es langsam ein Umdenken und eben auch nahezu 50% der Frauen gehören eher der Gegenbewegung an. Sie stehen für einen gesellschaftlichen Wandel im Umgang mit dem Altern von Frauen und für ein neues Schönheitsideal, das sich ganz anders definiert und Vielfalt, Natürlichkeit und Selbstbestimmung umfasst.

Altersdiskriminierung bei Frauen ab 45

Frauen, die nachdem die Kinder groß genug sind, wieder Vollzeit zurück ins Berufsleben wollen, sind tatsächlich nahezu unsichtbar. Dabei sind das genau die Frauen, die bewiesen haben, dass sie nicht nur stressresistent, vielseitig und erfahren sind, sondern die auch meist über hervorragende Management-Qualitäten, ausgezeichnetes Verhandlungsgeschick und ein hohes Maß an Diplomatie verfügen.

Und im Gegensatz zu vielen ihrer männlichen Altersgenossen brennen sie und wollen durchstarten. Sie suchen neue Herausforderungen, wo sie ihre Erfahrung, ihr Wissen und ihre Expertise einbringen können, wollen sich weiterbilden und noch wirklich etwas bewegen. Viel Potenzial, über das sich jeder Arbeitgeber eigentlich freuen sollte. Und dennoch werden die Bewerbungen genau dieser Frauen oft gar nicht berücksichtigt bzw. aussortiert. In der Regel bekommen die Bewerberinnen dieser Altersklasse – wenn überhaupt – Absagen auf Ihre Bewerbungen und zu Bewerbungsgesprächen kommt es erst gar nicht.

Natürlich gibt es diese Art von Altersdiskriminierung auch bei Männern, die es mit fortschreitenden Jahren auch schwerer haben, einen Job zu finden. Allerdings sind die Umstände etwas anders, weil Männer meist eine lückenlose Arbeitsbiografie (ohne Karriereknick durch Kinder), genutzte Aufstiegschancen sowie einen besseren Verdienst inkl. Arbeitszeugnissen vorweisen können. Zudem werden ältere Männer viel positiver gesehen, als Frauen vergleichbaren Alters. Männer vereinen Attribute wie „reif“ sowie „erfahren“ auf sich und werden dafür geschätzt, während Frauen eher als „verbraucht“ gelten. Auch diese unterschiedliche Wertung gleicher Phänomene ist eine Art der Diskriminierung von Frauen.

Warum und wie Frauen jenseits der 45 an Relevanz gewinnen

Dass Altern zum Leben gehört, lässt sich nun mal nicht ändern. Das zu akzeptieren, und nicht das negative, sondern das positive darin zu sehen sowie im Selbstverständnis zu verankern, ist der Schlüssel für mehr Akzeptanz und Wahrnehmung in Gesellschaft und Arbeitswelt. Erst wenn wir selbst aufhören, jünger sein zu wollen und uns darauf besinnen, welche Stärken wir gerade aufgrund unseres Alters zu bieten haben und aufhören, uns selbst unter Druck zu setzen, einem unerreichbaren Ideal genügen zu wollen, können wir unsere Energie in die richtige Richtung lenken und unser Potenzial voll ausschöpfen. Mit zunehmendem Alter wissen wir, was uns gut tut, wer wir sind und was wir wollen.

Folgen wir unserer inneren Stimme und werden wir zu Individuen, die den propagierten Stereotypen entgegenwirken – und besonders denen, die uns für unser Alter seitens der unterschiedlichsten Medien übergestülpt werden sollen. Denn nicht alle von uns tragen mit zunehmendem Alter eine Kurzhaarfrisur,
verzweifeln an grauen Haaren oder machen sich Gedanken darüber, was wir noch anziehen dürfen oder altersbedingt vielleicht eben nicht.

Selbstbewusstsein, Individualität und Vielfalt sollten unsere Ziele sein und dabei gilt: Erlaubt ist was gefällt. Ob kurze oder lange Haare, gefärbt oder naturgrau, sexy
oder bequeme Klamotten, geschminkt oder nicht – als Frau mittleren Alters wissen wir, was wir wollen
und sollten uns von nichts beeinflussen lassen.

Ein neues Selbstverständnis

Ganz langsam kommen auch die „Meinungsmacher“ dahinter, dass Frauen ab 45 eine wichtige Rolle einnehmen, sie nicht „zum alten“ Eisen der Gesellschaft gehören, nicht als homogene Gruppe zu betrachten und in vielen Lebensbereichen relevant und wichtig sind. Wir Frauen jenseits der 45 sind da, sind individuell, stark, meinungssicher und schön – genau so wie wir sind.

Dieses Selbstverständnis in die Welt zu tragen und zu verinnerlichen, macht uns nicht nur sichtbar, sondern auch attraktiv. Für uns selbst, für potentielle Arbeitgeber und für die Gesellschaft sowie
nachfolgende Frauen-Generationen als Vorbild.

Wechselweiber-Team
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