Verlass dich drauf! – Weihnachten kommt …

„Schon steht Weihnachten wieder vor der Tür“, alberte mein Freund Fred. Dann wurde er ernst. Er nahm einen Schluck Bier. Unser Männerabend war am Ausklingen, wir waren die letzten. Ich wollte längst gegangen sein, hatte aber das Gefühl, Fred muss noch was loswerden. Er und seine Partnerin Louise lebten wie Stella und ich in getrennten Wohnungen, deshalb teilten wir manches Problem.

„Ja doch, man kann sagen, das steht auf meiner persönlichen Werte-Skala ganz oben“, sinnierte er. „Wenn ich mir’s recht überlege, ist Verlässlichkeit für mich ein wichtiger Baustein jeder Beziehung. Ob Freundschaft oder Liebe oder Beruf. Und ich versuche alles, um verlässlich zu sein.“

Und dann sprudelte er los.

„Das erste Mal sitzt tief. Ich bereitete meinen Umzug vor, hatte die Wohnung neu gekauft, vierzehn Tage blieben für eine General-Renovierung, und der Zeitplan war eng gestrickt: ich musste aus meiner alten Wohnung raus. Ich baute auf Louises Hilfe. Und da hat sie mich im Stich gelassen. War nicht da, fühlte sich nicht gut, kränkelte, hatte Verpflichtungen – die volle Palette.“

Fred seufzte tapfer. „Ich habe den Umzug schließlich alleine durchgezogen und mir anderweitig Hilfe organisiert – in erster Linie ist es mir nicht ums Kistenpacken gegangen, das kannst du mir glauben, ich hätte einfach Beistand gut vertragen. Für Seele und Moral. Im Nachhinein fragte ich mich, ob das die ersten Anzeichen waren. Ob sie nicht anders konnte als sich zu entziehen. Und auch nicht darüber sprechen konnte. Weil der Wechsel schon laut und kräftig an die Tür pochte. Geärgert hat mich, als sie ein Jahr später ganz nebenbei erzählte, dass ihre Freundin Martina gesagt hätte, das sei richtig gewesen, das sei schließlich nicht ihre Aufgabe gewesen, mich zu unterstützen, und so hätte sie das gute Recht auf ihrer Seite gehabt. Als ob es um Recht ginge.“

„Weihnachten ein halbes Jahr später war der nächste Einschnitt. Wir hatten vereinbart, das Fest gemeinsam zu feiern. Und bei aller Vernunft, unter uns Kopfmenschen“, er lächelte selbstironisch, „Weihnachten ist das mit Abstand am heftigsten sentimentalisch aufgeladene Ereignis des ganzen Jahres. Kein Vergleich zu Silvester beispielsweise, zum Jahres-Wechsel. Sie war schon seit zwei Monaten krankgeschrieben und verbrachte die Zeit zu Hause bei ihrer Mutter. Zweihundert Kilometer entfernt. Und je näher das Fest kam, desto verschwommener wurden ihre Aussagen.“

„Eine Woche vorher, als es fast unausweichlich war darüber zu reden – ich hatte schon die meisten Einkäufe getätigt – eine Woche vorher fragte ich, ob ich lieber zu ihr kommen sollte an Weihnachten. Nein, nicht nötig, das schaffen wir schon. Ich hatte auch ehrlich gesagt nicht große Lust auf ihre Familie. Drei Tage vorher dann die vorsichtige Ansage, sie möchte über die Feiertage gerne bei Muttern bleiben. Und ob es mir was ausmache, wenn wir nicht gemeinsam…, sie könne ja eine Freundin… und ich könne dann dort…. Ich sagte natürlich ja und dass es mir nichts ausmache und dass alles gut werde. Und sie rief ihre Freundin Johanna an und die rief mich an, obwohl wir uns nicht sehr gut kannten, und ich überlegte allein zu bleiben, verbrachte dann aber doch den Heiligen Abend mit Johanna und ihrer Partnerin Kristin und einem reizenden schwulen Freund, dessen Freund bei seinen Eltern Weihnachten feierte – wie sinnig die Parallele! – und mit einem leicht eigenbrötlerischen Wesen, das ständig reichlich unpassende Witze vor sich hin erzählte, dabei bin ich nicht prüde“, beteuerte Fred. „Aber an Weihnachten. Naja. Wollte sicher die Peinlichkeit der erlesenen gemischten Gesellschaft überspielen.“

„Weihnachten. Fest der Liebe“. Fred grinste bitter. „Ja doch. War dann noch lustig, weil wie in einer mittelmäßigen Komödie die elektrischen Kerzen per Kurzschluss den Baum in Brand setzten, es kokelte, wir dachten, die Ente sei angebrannt, wollten in der Küche helfen, bis wir die Flammen realisierten, und beim panischen Löschversuch mit Decke und Gießkanne gingen auch noch drei feine Wein-Gläser schrill klirrend zu Bruch.“

„Ja doch“, Fred nickte vor sich hin, „an diesem Weihnachts-Fest war der Wechsel schon sehr fortgeschritten und wir hatten ihn auch schon erkannt. Was es nicht viel einfacher machte, mit der doch recht kurzfristigen Aufkündigung einer Vereinbarung klarzukommen.“

„Es ist schwer, wieder neues Vertrauen zu entwickeln. Eine Beziehung verträgt nur einen Egoisten, hat einmal ein schlauer Mensch geschrieben – es war natürlich ein Mann. Das wollte ich nicht wahrhaben, hab den Satz belächelt, schließlich gibt es in einer guten Beziehung keinen Egoisten oder nur zwei „gesunde“ Egoisten.“

„Aber war es Egoismus?“, warf ich ein.

„Früher war sie kompromissbereiter“, beharrte Fred. „Liegt das am Wechsel? Man braucht ein weites Herz, damit umzugehen. Aber vielleicht sollte man einfach mal darüber reden? Also wir.“

„Schließlich steht auch Weihnachten wieder vor der Tür“, ergänzte ich vorsichtig. „Und kommt überraschend wie jedes Jahr.“

„Ja“, meinte Fred, „ich glaube, ich lade Louise auf ein Glas Wein ein. Heute Abend. Und dann reden wir. Oder, wenn sie wieder zu müde ist, am Wochenende. Spätestens.“

Bare couple feet by the cozy fireplace. Man and Woman relaxes by warm fire with a cup of hot drink and warming up her feet. Close up on feet. Winter and Christmas holidays concept.

„Doch! Versprochen!“ Er lächelte ein bisschen spitzbübisch. „Kannst dich drauf verlassen.“

Ich hab ihn bestärkt und bin gespannt, ob er den Mut zu dem Gespräch fand. Und was dabei herauskam, so kurz vor Weihnachten.

In diesem Sinne – Fröhliche Fest-Tage! Feiern Sie! Mit Ihren Lieben!
Ihr Jörg

Jörg

Jörg

Jörg erzählt mit seinem eigenem Humor und viel Esprit über sein Leben mit seiner Frau Stella und den Wechseljahren.

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