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Warum „Nein sagen“ in den Wechseljahren besonders wichtig werden kann

Frau schaut mit geballten Fäusten und einem breiten Lächeln und selbstbewusster Ausstrahlung in die Kamera.

Es gibt zwei Dinge in meinem Leben, die mir unglaublich schwerfallen – schon immer: Süßigkeiten zu widerstehen und „Nein“ zu sagen. Ersteres Problem begleitet mich schon Zeit meines Lebens, ist immer ein Kampf gewesen, den ich mal besser und mal schlechter gekämpft habe – aber: ich habe immer daran gearbeitet. Besondere Bedeutung kam dem Verlangen zu widerstehen mit den Wechseljahren zu, denn diese führen bekanntermaßen auch gern mal zur Gewichtszunahme bzw. zur Vermehrung des als gefährlich eingestuften Bauchfetts.

Auch schlecht „Nein“ sagen zu können ist ein Thema, das jahrelang zu mir gehörte, das ich aber im Gegensatz zu den Pfunden, nie als problematisch erkannt und dementsprechend auch keinen Kampf dagegen geführt habe. Im Zuge der Wechseljahre aber änderte sich das und „Nein“ sagen zu können wurde plötzlich für mich existenziell, um die belastende Zeit der Hormonumstellung überhaupt bewältigen zu können. Später mehr dazu.

Warum fällt es mir eigentlich so schwer „Nein“ zu sagen?

Vorab sei gesagt, dass ich mit diesem Problem nicht allein dastehe, denn in der Tat gibt es viele Menschen, die „Ja“ sagen, auch wenn sie innerlich eigentlich laut „Nein“ rufen. Die Gründe dafür sind sicher vielfältig, aber für mich habe ich – als mich die Wechseljahre dazu zwangen – versucht, meine persönlichen Ursachen herauszufinden. Und ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass es auch bei mir eine Reihe von Faktoren gibt, die zu diesem Verhalten – bei dem ich mich ja quasi selbst verleugne bzw. hinter die Bedürfnisse der anderen einreihe – geführt haben.

Erfahrungen aus meiner Kindheit machen es mir schwer, „Nein“ zu sagen

Meine Erziehung verlief recht autoritär. Wenn ich mich recht erinnere, gab es kaum eine Gelegenheit überhaupt „Nein“ zu etwas sagen zu können und wenn ich es dennoch versuchte, war dies niemals von Erfolg gekrönt. Von klein auf wurde mir beigebracht, höflich, gut erzogen und respektvoll gegenüber Erwachsenen zu sein, was bedeutete, dass ich dem nachkomme, was mir die Erwachsenen sagen. Zu hinterfragen galt als frech. Einige werden ähnliche Beispiele wie meines kennen: Bei uns daheim war obligatorisch, dass wir als Kinder die Mittags-Gassirunde erledigen.

Nein, heute schaffe ich das nicht

Ein „Nein, heute schaffe ich das nicht“ (z.B. aufgrund vieler Hausaufgaben und späterer Termine für Hobbys) wurden ignoriert bzw. zusätzlich mit einem schlechten Gewissen belegt. Mir wurde in ausführlichster Weise vor Augen geführt, wie undankbar dies sei und dass die Gassirunde ja wohl keine Sache sei im Gegensatz zu dem, was die Erwachsenen für uns alles taten. Dass ich ansonsten doch immer nur meinem Vergnügen nachgehen würde, keine Pflichten hätte und den Erwachsenen nicht einmal diesen Moment der Ruhe gönne – ergo käme es überhaupt nicht in Frage, die Gassirunde nicht zu übernehmen. Und statt ewig herum zu diskutieren, solle ich die Zeit doch besser nutzen, gleich loszugehen.

Auch wenn es bis zu einem bestimmten Alter z.B. um die Wahl des Haarschnitts ging, galt mein „Nein“ nichts….es wurde das geschnitten, was praktisch und aus Sicht meiner Eltern passend war. Aber selbst, wenn ich mit meinem „Nein“ nicht durchkam und den Anforderungen „entsprochen“ hatte, begleitete mich mein schlechtes Gewissen, überhaupt „Nein“ gesagt zu haben, weil man das ja nicht tut bzw. damit ungehörig und egoistisch ist. Meine Erziehung ließ mich also verinnerlichen, dass „Nein“ zu sagen etwas Schlechtes ist, meine Wünsche nicht relevant sind und ich, wenn mich jemand um etwas bittet oder zu etwas auffordert, ich dieses auch zu tun hätte. Ich erkannte übrigens, dass dies für mein Erwachsenen-Leben u.a. zu Problemen im Hinblick auf mein Durchsetzungsvermögen geführt hatte.

Die Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer lassen mich zu oft „Ja“ sagen

Im sozialen Miteinander in Schule, Freundeskreis oder Verein lernte ich zudem, dass es sich für mich auch auf der anderen Seite nicht gut anfühlte, wenn jemand eine Bitte von mir ablehnte. Ich bekam das Gefühl dadurch „ausgegrenzt“ zu werden. Als soziale Lebewesen, basiert unser Miteinander aber gerade auf menschlichen Beziehungen und da strebt man ganz selbstverständlich nach Zugehörigkeit.

So wie ich ein „Nein“ empfand, wollte ich also nicht, dass mein Gegenüber sich fühlt – wollte weder enttäuschen, noch verletzen oder gar Konflikte heraufbeschwören. Denn wer „Nein“ sagt, stößt nicht nur anderen gefühlt vor den Kopf, sondern wird zudem nicht als „Teamplayer“ oder jemand, auf den man
„bauen“ kann, empfunden. So entstand bei mir zusätzlich eine unbewusste Angst vor der bevorstehenden Ablehnung, weil ich fürchtete, dass meine Mitmenschen mich meiden, sobald ich nicht das tue, was von mir erwartet oder erbeten wird. Ich denke heute, das war ein weiterer Grund, warum ich immer für jeden ein offenes Ohr hatte und keine Bitte abschlagen konnte.

Erwartungen erfüllen, um gemocht zu werden als Ursache „Ja“ statt „Nein“ zu sagen

Grundsätzlich war es mir zwar eigentlich nie wichtig, was andere Menschen von mir oder über das was ich mache denken, aber aufgrund meiner Erziehung steckte natürlich das „Erwartungen gerecht werden“-Gen tief in mir. Und „Ja“ statt „Nein“ zu sagen, kann ja auch z.T. für das persönliche Verhältnis, das berufliche Weiterkommen oder aus anderen Gründen wichtig sein. Nichts desto trotz habe ich festgestellt, dass ich tatsächlich auch bei Menschen, die für und in meinem Leben eigentlich gar keine Rolle spielen, selten „Nein“ zu sagen vermochte.

Da Menschen, die alles bejahen grundsätzlich als hilfsbereit sowie selbstlos gelten, war ich selbstredend recht beliebt. Eine Krux, denn das führte dazu, dass ich auch häufig zu Geburtstagen oder sonstigen Festivitäten z.B. in der Nachbarschaft eingeladen
wurde. Und obwohl ich wusste, dass die gesamte Nachbarschaft ein Molloch an Lästereien war und ich überhaupt keine Lust hatte, in dieser Gesellschaft an Aktivitäten teilzunehmen, fiel es mir unglaublich schwer, diese Einladungen auszuschlagen. Hat auch einige Jahre gedauert, bis ich statt immer wieder irgendwelcher Ausreden ein klares „Nein, vielen Dank.“ – und das inzwischen sogar ohne mich zu erklären oder Gründe zu nennen – herausbrachte.

Die Wechseljahre zwangen mich“ Nein“ sagen zu lernen

Nun mag sich der ein oder andere an dieser Stelle fragen, was „Nein“ sagen mit den Wechseljahren zu tun hat. Bei mir zumindest eine ganze Menge. Denn durch die körperlichen, aber auch seelischen Belastungen der Wechseljahre fehlte mir schlichtweg die Kraft und die Energie, weiter gegen meine
Natur zu entscheiden und zu leben. Denn eins habe ich über die Jahre gemerkt: „Ja“ statt „Nein“ zu sagen kostet viel mehr Kraft, als einmal ein klares „Nein“ zu äußern.

Als ich also nicht mehr gut schlafen konnte, mein Nervenkostüm extrem angegriffen war und ich sehr dünnhäutig wurde, mir Hitzewallungen und Konzentrationsprobleme zu schaffen machten, kurz ich mich im Klammergriff der Wechseljahre befand, war ich gezwungen, mein Leben zu verändern. Und neben
einiger anderer Themen, musste ich auch meine Kraft neu einteilen, wobei u.a. der Energiefresser gegen meine innere Haltung zu handeln, gehörte. Dabei lernte ich, wie schwer der Weg zum, aber auch wie befreiend ein klares Nein sein kann.

So trainierte und lernte ich „Nein“ zu sagen

Zuerst einmal möchte ich jeder/em Mut machen, denn Nein sagen kann man wirklich lernen und das sogar, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Und die Erfahrung hat mir gezeigt, dass sich während dieses Prozesses, bei den Menschen um mich herum die „Spreu vom Weizen“ trennte. Ein „Nein“ wurde oft viel problemloser akzeptiert. Ein Effekt, der sich auf mein gesamtes soziales Leben ausschließlich positiv ausgewirkt hat. Denn inzwischen bestehen meine Kontakte aus Menschen, die mich um meinetwillen gern um sich haben und nicht aus solchen, die mich als „zur Verfügung Stehende“ nutzen.

Dadurch sind übrigens die Anlässe (außer in beruflicher Hinsicht), „Nein“ sagen zu müssen auf wundersame Weise insgesamt auch sehr viel weniger geworden.
>Auf meinem Weg dahin habe ich erst bei kleineren Anlässen und Unwichtigerem das „Nein“ sagen trainiert und nach und nach haben mir die Verhaltensregeln und die Erkenntnis, dass „Nein“ zu sagen nicht unhöflich, sondern ehrlich und authentisch ist dabei geholfen, heute deutlich besser „Nein“ sagen zu können, mich dabei gut zu fühlen und sogar Freude daran zu entwickeln, erfolgreich über meinen Schatten gesprungen zu sein.

Hier meine Tipps, wie man erfolgreich „Nein“ sagen lernen kann:

  1. Nicht sofort eine Antwort geben, wenn jemand um etwas bittet, sondern sich etwas Zeit erbeten.

    Bei Freunden, die um etwas bitten könnte die Antwort etwa sein: „Ich werde mal drüber nachdenken und gebe dir Bescheid“, „Das kann ich dir ad hoc nicht sagen.“ Fragt der Chef, ob man eine Aufgabe noch mit übernehmen kann, wäre passend: „Da muss ich erstmal schauen, was ich sonst noch auf dem Tisch
    habe, gebe Ihnen aber gern zeitnah eine Rückmeldung.“ Damit gewinnt man Zeit, selbst zu überlegen: Kann und will ich das oder bedeutet es für mich zusätzlichen Stress oder handele ich gegen meine Überzeugung? Ich mache mir dabei jedes Mal ganz deutlich bewusst, wozu ich „Ja“ sagen würde, wenn ich nicht „Nein“ sage. Wenn es dann tatsächlich zu einem „Nein“ kommt, ist das Gegenüber nicht nur bereits darauf vorbereitet, dass es ein „Nein“ geben könnte, sondern man selbst kann sich in Ruhe überlegen, wie man das „Nein“ formuliert und ggf. begründet.

  2. Keine Ausreden erfinden

     

    Sondern eine schlüssige Begründung liefern. Wenn nötig (z.B. im Job) sich einen Grund vor Augen führen und diesen dann zu formulieren, macht ein „Nein“ nicht nur für das Gegenüber nachvollziehbarer, sondern bringt Selbstsicherheit im Gespräch.

    „Tut mir leid, aber ich habe Aufgaben, die ich zeitnah fertigstellen muss, da bleibt kein Raum für xy.“ Wichtig dabei zu beachten: Ein Grund ist keine Ausrede und sollte darum ehrlich sein. Aber nicht vergessen: Es gibt viele Situationen, in denen ein „Nein“ ohne Begründung zu akzeptieren ist, was aber selbstverständlich vom Einzelfall abhängt. Natürlich kann man – so man z.B. eine Einladung erhält, die man aufgrund des Gastgebers oder der Gesellschaft nicht annehmen möchte – dies nicht ungefiltert so sagen, ohne dass es unhöflich wirkt. Hier könnte eine Antwort lauten „Vielen Dank für die Einladung, aber für mich passt es nicht.“ Das ist recht offen formuliert und interpretationsfähig. Sollten dennoch Nachfragen kommen: „Aus persönlichen Gründen“ geht immer und sollte jede weitere Nachfrage verbieten.

  3. Nicht umschwenken: Einmal „Nein“ bleibt „Nein“.

    Ein einmal ausgesprochenes „Nein“, sollte auch immer eines bleiben. Sollten Nachfragen kommen, zeigen Studien, dass eine klare Haltung mit einem oft einfach für sich stehenden „Nein“ als Antwort auf diese am wirksamsten beim Gegenüber ist. Wird man jedoch wankelmütig, gelten auch alle zukünftigen „Neins“ nicht als „das letzte Wort“.

  4. Mit Körpersprache das „Nein“ unterfüttern


    Denn mit der richtigen Körperhaltung wirkt man überzeugender – auf andere, aber auch auf sich selbst: Ein fester Stand, den Blick nach oben gerichtet (nicht zu Boden), Schultern zurück sowie den Rücken gerade und schon kommt das „Nein“
    selbstbewusst und unumstößlich beim Gegenüber an und lässt kein Zeichen eines Zweifels an dieser Entscheidung erkennen.

Lesen Sie auch wie „Nein“ sagen die Selbstwahrnehmung verbessert.

Wechselweiber-Team
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