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Wer die Wahl hat … oder „Ich kann mich nicht entscheiden!“

Wie oft habe ich diesen Satz von Stella gehört: „Ich kann mich nicht entscheiden!“ Das Problem hatte sie, solange ich sie kenne. Es gibt doch immer so viele schöne Möglichkeiten! Aber in den Jahren des Wechsels wurde es schlimmer, im Kleinen wie im Großen. Ob es darum ging, lieber einen Spaziergang zu machen oder eine kleine Radtour, oder auch bei der Wahl des nächsten Ferienziels. Es hieß: „Ich kann mich nicht entscheiden!“ Beim Kofferpacken verdünnisierte ich mich jedes Mal. Auch der Platz in der Bahn sorgte für Unzufriedenheit – selbst wenn wir vorsorglich reserviert hatten. Fenster oder doch besser Gang? Großraum oder Abteil? Natürlich hatten wir uns wieder falsch entschieden, als der zugestiegene Herr – zweifelsfrei Ruhrpott – die vollständige und detaillierte Geschichte der Immigration seiner Familie nach dem Zweiten Weltkrieg loswerden wollte…

erwachsene Frau denkt nach

Wollen wir am Samstag ausgehen oder gemeinsam kochen? „Ich kann mich nicht entscheiden!“ Wenn wir uns dann entschieden hatten, andere für uns kochen zu lassen: Italiener, Chinese oder angesagtes In-Lokal? „Ich kann mich nicht entscheiden!“ Und WENN sie sich dann entschieden hat, war es wieder falsch. „Eigentlich esse ich gar nicht so gern griechisch.“ Im Restaurant war meine Wahl in ihren Augen die bessere. Kaum waren die Teller serviert, musste sie flugs von meinem stibitzen (wohlwissend, dass ich das hasse), und nicht selten haben wir die Teller getauscht. Oft habe ich listig das Gleiche bestellt wie sie. Und musste es dann auch essen.

Stand ein Konzert-Besuch bevor, veranstaltete sie in rasender Hektik eine ausführliche Modenschau: den mintfarbenen Hosenanzug? Das Kostüm in Resedagelb? Oder das kleine Schwarze? – Was sollte sie nur tragen!? Stichwort Kino. Oft waren wir nach langer Findungsphase im falschen Film gelandet, aber nachdem ich beim ersten Mal nach einer knappen halben Stunde ständigen Nörgelns mit aus dem Kino ging, obwohl mir der Film gefiel – nach dieser Erfahrung sagte ich das nächste Mal, sie könne ja gehen, wir träfen uns hinterher bei ihr zuhause. Nach weiteren gefühlten zwanzig Drohungen, sie gehe nun wirklich, meinte ich etwas unwirsch: „Dann geh doch! Jeder kann schließlich tun was er will.“ Ich spürte ihren Blick. „Ich bin dir nicht böse!“ Da ging sie. Und sie war MIR böse, weil ich sie allein in die Dunkelheit entlassen hatte. Aber seitdem gab es zumindest im Kino keinen Störfall mehr.

„Das haben sie mir in die Wiege gelegt“, war die alljährlich an ihrem Geburtstag fröhlich wiederkehrende Erklärung. Schließlich gibt es je nach Horoskop Varianten, die Rand-Daten können um einen Tag abweichen. Und hier konnten die Eltern sich nicht entscheiden. Nach Papas Wunsch war Stella die letzte Jungfrau. Für die ‚ausgleichende Waage‘ plädierte Mama. Statt ‚ausgleichend‘ hätte ich treffender ‚unentschieden‘ gesetzt – „Ich kann mich nicht entscheiden!“ eben.

Heute sieht das ganz anders aus. Ich vermisse ihn fast, den berühmten Satz. Aufgefallen ist mir das vor ein paar Wochen, ich kann nicht einmal genau sagen, wann die letzte „Nicht entscheiden!“-Phase gewesen war. Und eines launigen Abends, die Stimmung war prächtig, wagte ich die Nachfrage. Wie es eigentlich komme, dass sie so entscheidungsfreudig geworden sei. Sie, sehr ernsten Blicks: „Bin ich das?“ Nach einer Schrecksekunde meinerseits – falsches Thema? – lächelte sie tiefgründig und meinte, ich hätte Recht. Ihr sei ja selbst aufgefallen, dass es ihr „in letzter Zeit“ immer schwerer gefallen sei, Entscheidungen zu treffen, und für ihre Umwelt müsse das manches Mal doch ein wenig anstrengend gewesen sein. Diesmal musste ich leise grinsen. „Ja,“ meinte sie leichthin, „und deshalb habe ich begonnen, mich selber auszutricksen.“ Und jetzt entscheide sie sich einfach. Um fast jeden Preis. Seit der Gipfel des Wechsels so ziemlich überwunden sei, falle ihr das auch leichter.

Mir war die Sache noch nicht ganz geheuer. „Und wie?“, hakte ich vorsichtig nach, „wieso funktioniert das plötzlich?“ „Ich geh halt vorher in mich“, meinte sie. „Und ich überlege mir, was ich wirklich will. Dauert manchmal ein bisschen, ich bin dann nicht mehr so spontan. Schadet ja nix. Gut, manchmal bin ich nicht ganz glücklich mit meiner Entscheidung. Aber eine Entscheidung kann man ja auch revidieren. Und…“ ihre Stirnfalte sagte mir, dass ein großes Wort zu erwarten war „… und lieber eine falsche Entscheidung als gar keine!“ Wir sahen uns bedeutungsvoll an, und dann mussten wir loslachen. Beide. Gemeinsam.

Ich fand das toll, mit welcher Klarheit sie das sagen konnte, und mit welcher Konsequenz sie sich dieses Problems angenommen hatte. Und ich fragte sie spontan, ob ich sie heute Abend zum Essen einladen dürfe. Einfach so. „Gerne“, meinte sie entscheidungsfreudig und wurde sehr ernst. „Aber unter einer Bedingung.“ Ich war ein bisschen verwirrt. Bedingung? So etwas war neu. „Du entscheidest, wohin wir gehen, du entscheidest, wo wir sitzen, und du entscheidest – nein, also du berätst mich bei der Auswahl!“ Wir verbrachten einen sehr schönen Abend zusammen.

In diesem Sinne – auf gute klare Entscheidungen!

Ihr Jörg

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