Das Leben ändern – Neustart mit Fünfzig

Nach Jahren habe ich Till Christen wiedergesehen.

Mein Zahnarzt hatte damals vor acht, neun Jahren mit ihm zusammengearbeitet, und weil es Probleme gab mit meinem Gebiss – also den Zweiten –, war Christen zwei oder drei Mal bei meiner Behandlung dabei gewesen, um den richtigen Abdruck selber zu nehmen. Zahntechniker mit florierendem Labor, ein rundes Dutzend Mitarbeiter – verheiratet, zwei Kinder mit siebzehn und zwanzig Jahren, die ältere war Helferin bei meinem Zahnarzt. Ein strahlendes Werbelächeln, ein wunderbares Gebiss, Aushängeschild für seine Arbeit, tatsächlich ein fröhlicher Mensch, so hatte ich ihn in Erinnerung.

Wir trafen uns zufällig auf dem Markt, Freitag mittag, er kam gerade aus dem Rathaus. Wir zögerten beide – Kennst du den oder … ? Dann habe ich ihn angesprochen. Till Christen? – Ja, schon, aber er heiße jetzt Tilman Scharff-Christen. Er habe etwas zu feiern, meint er, ob er mich auf ein Glas einladen dürfe. Und er erzählt mir die schöne Episode, weshalb er grade im Rathaus war.

Auf seinem Grundstück will er ein Gartenhäuschen anlegen, erlaubt ist ein Geräteschuppen, und nach vielen hanebüchenen und schikanösen Hürden habe er soeben die kratzbürstige Ressortleiterin umgarnt und die Zusage erhandelt, verkündet er mit blitzendem Lachen. Gerne stoße ich mit ihm auf seinen Triumpf über die Bürokratie an.

Holzschild - Neustart!

Und nun erzählt er, ein blendend aussehender Mann in den besten Jahren, ja, er habe aufgehört mit seinem bisherigen Leben. „Im Frühling vor drei Jahren“ – er steuerte damals stramm auf die Fünfzig zu –, „da hatte ich die Krise. Dann habe ich mir gesagt: Ich bin nicht krank, ich hab keine Probleme mit Rücken oder Bluthochdruck, ich muss keine Zipperlein pflegen, also starte ich nochmals durch!“

Ich bin fasziniert.

Er lässt seine seit Jahren dahin dümpelnde Ehe kurzfristig scheiden, im beiderseitigen Einvernehmen wohlgemerkt – die Frau hatte längst einen anderen, einen Zahnarzt – , er führt sein abgebrochenes BWL Studium in anderthalb Jahren zu Ende – nur für sich –, nimmt sich eine neue (natürlich jüngere) Frau, mit der er ein Kind zeugt, das an seinem 51. Geburtstag geboren wird, er kauft sich ein Haus, richtet darin sein eigenes Labor ein, in dem er alles selber und alleine macht – von der Annahme der Aufträge über die Ausführung, den Kundenkontakt (telefonisch) und die Auslieferung (persönlich). Nur putzen lässt er jemand anderen. Ein erfülltes neues Leben!

Ich bin verblüfft.

Und dann grinst er plötzlich ein schelmisches Grinsen. „Ich weiß auch schon, wie ich sterbe. Ich habe ein Bild vor Augen. Ich bin einhundertundsechs Jahre alt! Und mich erschießt ein eifersüchtiger Ehemann von hinten!“

Ich bin geplättet.

Lange habe ich über diese Begegnung nachgedacht. Erstrebenswert, solch ein Neuanfang? Hat er das alles noch nie bereut? Versichert hat er mir das zumindest. Aber was heißt das schon, so genau kenne ich ihn nicht. Es klang zumindest ehrlich. Aber war er wirklich selber die treibende Kraft hinter diesem gesamten Wechsel-Programm? Oder was war da sonst? Gut, immerhin hatte er die Energie, diese Palette durchzuziehen, Änderung in allen Lebensbereichen. Was waren seine Motive? Das Leben hatte seinen Rhythmus, war eingelaufen, die Ernte-Phase hatte begonnen – und der entzog er sich. Und in vierzig Jahren denkt er an einen eifersüchtigen Ehemann. Ich habe vergessen zu fragen, welches Auto er fährt.

Ich ärgere mich über meine Zweifel. Ist das Neid? Weil er seine Lebensmitte als Startschuss vernommen hat? Offenbar ganz ohne depressive Phase? Welchen Stellenwert hat da Treue? – Treue zu sich selbst, Treue zum anderen.

In meinem Kopf schlagen sich heftig die Gedanken, und ich beschließe, heute abend mit Stella essen zu gehen. Wenn sie denn will. Und dann möchte ich ihre pragmatische und weibliche Sicht hören.

Ich bin gespannt! Was meinen Sie?

Herzlich
Ihr Jörg

Jörg

Jörg

Jörg erzählt mit seinem eigenem Humor und viel Esprit über sein Leben mit seiner Frau Stella und den Wechseljahren.

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