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Wo hat sich die Figur versteckt? Auf der Suche nach den Pfunden

„Mein Gott, bin ich fett!“ Ein Aufschrei.
Mühsam die Augen öffnend, sehe ich ein vertrautes Bild: sie steht im Höschen vor dem großen Schrankspiegel, misst ihre Maße strengen Blickes mit den Augen, vor allem im Rumpf-Bereich, rollt sich demonstrativ Speckwülstchen mühsam zwischen ihre Finger. Und leidet. Ich bin noch nicht wach genug, um entschieden zu widersprechen. Von „fett“ kann doch keine Rede sein! oder so. Obwohl ich inzwischen weiß, dass sie gar keine Antwort will, ein Kommentar nützt nicht wirklich. Also gähne ich schweigend und fast lautlos, aber von Herzen. „Siehst du, du siehst das auch!“ Kein Kommentar nützt also auch nichts.

„Und schau dir meine Oberschenkel an!“ Beinahe hysterisch klingt das jetzt. „Ich bin fett und hässlich und sehe bescheuert aus!“ Schlaftrunken wälze ich mich aus dem Bett und will sie in den Arm nehmen. „Nein, is ja schon gut!“, entzieht sie sich flugs Richtung Badezimmer, das Gesicht so angespannt, dass ich mich gleich wieder schuldig fühle. Soll sie doch ins Bad. Da gibt es auch einen Spiegel. Und da kann sie außerdem ihrer täglichen Pickelsuche frönen – „Die kommen nur von den Wechseljahren!“ –, ohne dass ich sanft Zurückhaltung anmahne. Ich merke es selber: je älter man (oder frau) wird, desto schwieriger ist es, ein leichtfertig angelegtes Pfündchen zuviel wieder loszuwerden. Da nützt auch das Fitnessstudio nur bedingt. Bleibt die Ausrede Veranlagung. Wer hat sich schon seinen Körper aussuchen können! Als ich unlängst einem jungen Kerl mit wunderbar ge-shape-tem Body im Studio unverhohlen meine Bewunderung für sein Sixpack ausdrückte, winkte er ab. „Kein falsches Lob, das kommt nicht vom Training. Ich kann meinem Vater danken. Das sind die Gene.“ Und dann lästerten wir unisono über den Schweinehund, der jedesmal als Anhäufung zusammengerollter Speckröllchen – kennen Sie diese Rasse Hund? – vor der Türe döst und einladend knurrt, wenn wir das Haus in Richtung Fitness verlassen wollen. Auf den ist Verlass.

Gut, ein Adonis war ich nie. Ich werde auch im Alter keinen Schönheitspreis erringen. (Trostreiche Perspektive, die mir meine Patentante schon als Kind mit auf den Weg gab: In jedem Dicken steckt ein Dünner.) Sicher, das Alter hinterlässt seine Spuren. Richtig, wir werden gezeichnet. Aber heißt das nicht auch Leben? Ich möchte keine Falte missen! Jede Falte ist ein Stück gelebtes Leben. Das versuche ich ihr auch immer zu vermitteln. Wobei der Mann leichter zu seinen Falten stehen kann als eine Frau, Falten machen den Herrn der Schöpfung ja angeblich interessanter. Aber was muss sie von mir denken, wenn sie sich selbst schon so überkritisch beäugt! – „Ich bitte dich! Der Busen zu groß / die Schenkel zu dick / der Bauch eine Wampe!“ Wie soll „Mann“ dagegen an? Dabei würde das zarte Bäuchlein jeder Geisha zu höherem Ansehen verhelfen. Männerperspektive? – Noch dazu walkt sie konsequent und rennt wöchentlich zum Yoga.

Ich stelle keine wesentliche Veränderung bei ihr fest, ein wohlproportionierter Hintern gehörte schon immer als reizvoller Teil zu ihr, und von überflüssigem Fett kann nur sehr begrenzt die Rede sein. Auch wenn sie spätestens jeden zweiten Tag das Gegenteil behauptet. Gemosert über ihre Figur hat sie auch schon, seit ich sie kenne. Aber in den letzten Jahren ist das Jammern beharrlicher geworden, ein bisschen inflationär, ja, ein bisschen besessen manchmal. Aber ein kleines schlechtes Gewissen hab ich doch, weil ich heute morgen nicht sofort heftigst gegengehalten habe. Lag vielleicht auch an ihrem strafenden Blick, der keinen Widerspruch duldete.

Von innen, also aus der ganz subjektiven Innenperspektive sieht das ja immer anders aus, klar. Und wenn sie denn die Waage nicht ständig meiden würde, könnte sie ihre vermeintlichen Probleme sicher auch objektivieren. Aber Objektivität passt eben nicht zu gefühlten Problemzonen. Am gleichen Abend thematisiere ich vorsichtig ihre morgendliche Selbstschau inklusive dem völlig unangemessenen Mangel an Widerspruch meinerseits. Da weiß sie angeblich schon nicht mehr, wovon ich rede. Die Situation bleibt verkorkst. Also nehme ich mir vor, beim nächsten Mal ganz spontan zu reagieren. (Schöner Gedanke: Nach reiflicher Überlegung reagierte er völlig spontan … )

Und dann bringt der Kalender doch noch die Idee: Fastenzeit! Auch ohne besonders kirchlich zu sein, doch alle Jahre wieder ein willkommener Anlass, ein bisschen aufzupassen. Sich zu disziplinieren. Keine Süßigkeiten, die teuflisch direkt den Weg auf die Hüften finden. Keinen Alkohol, der den Pfad zum Speck ebenfalls hindernisfrei sozusagen im Schlaf kennt. Und so beschließen wir, wieder einmal ein paar Wochen gemeinsam gegen überflüssige Pfunde zu kämpfen. Und Gemeinsamkeit verbindet. Solidarität macht stark. Nicht nur in den Wechseljahren. Und dafür liebe ich sie. Pfund um Pfund.

In diesem Sinne – fröhliche Fastenzeit!
Ihr Jörg

PS: Und freuen wir uns auf Ostern! Und das erste Glas Prosecco. Dazu ein Ei aus Schokolade. Mmmmh!

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