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Der Wechselmann – persönliche Inventur eines Getroffenen

„Noch dunkel draußen. Bin gespannt, wie heute das Aufwachen wird. Ob es ihr besser geht ob sie gut geschlafen hat oder ob ich schon wieder was falsch gemacht habe noch ehe ich ein Wort sage. Oder ob sie wieder ganz einfach losheulen muss und ich wieder nicht weiß was ich sagen soll. Wenn nur diese Unsicherheit nicht wäre. Diese Hilflosigkeit. Alles was ich sage ist falsch. So habe ich den Eindruck, so kommt es bei mir an. Wird von ihr falsch verstanden. Jedes Wort ist ein Angriff. Jede Berührung ein Affront.

Leidet die Frau in den Wechseljahren, kommt auch Mann nachts ins Grübeln...
Leidet die Frau in den Wechseljahren, kommt auch Mann nachts ins Grübeln…

Ich kann nicht mehr schlafen, tigere ziellos durch die Wohnung, bald wird sie aufwachen. Gottseidank schläft sie tief und lang, auch wenn sie dann wieder erzählen wird, dass sie die ganze Nacht kein Auge zugetan hat.

Ah ja, ich höre sie. Akustisches Vorspiel zum Erwachen. Ganz vorsichtig „Guten Morgen mein Schatz!“ geflüstert. Ein unwirsches Knurren, nicht das ermutigendste Zeichen, also halt den Mund. Zieh dich zurück.

Nicht berühren. Wenn ich sie auch nur vorsichtig anfasse, entzieht sie sich wieder barsch und abrupt, weil sie denkt, ich will nur das Eine. Vögeln. Dabei möchte ich ihr Nähe geben, Stütze, Hilfe. Aber wie?

Ich weiß, dass es ihr nicht gut geht. Ich denke, ich kann gar nicht nachempfinden, wie es in ihr drinnen aussieht. Vielbeschworene Empathie hin oder her. Deshalb besser Abstand halten, nichts ansprechen.

Dabei möchte ich ihr helfen. Für sie da sein. Aber wie teile ich ihr das mit?

Wie lange das wohl noch geht. Nun sind es schon etliche Monate. Bei Licht betrachtet mehr als ein Jahr. Ein Ende nicht absehbar. Sagt sie selber immer wieder, in lichten Momenten: Dass Du es mit mir noch aushältst.

Ist manchmal auch verdammt schwer. Ich weiß nicht, wie lange ich die Kraft noch habe. Schrecklicher Gedanke, vor zwei Tagen ging der mir zum ersten Mal durch den Kopf. Nistete sich ein und lässt mich seitdem nicht mehr los.

Ich liebe sie, ja. Aber diese Liebe wird auf eine harte Probe gestellt. Ein Gang durch die Hölle, denke ich manchmal. Kitschig, ja, ein Klischee, aber es fühlt sich so an. Was hab ich nur angestellt in diesem Leben, was habe ich verbrochen, dass es ausgerechnet mich so trifft.

Das ist das Perverse, dass ich dann auch noch in einem Sumpf von wohltuendem Selbstmitleid versinke. Dabei braucht sie mich. Aber wie kann ich ihr helfen?

Wenn ich mit meinen Freunden darüber spreche, ganz vorsichtig, typische Männergespräche vermeiden will, dann treffe ich auf Unverständnis. Meine nicht, so Udo, die is da glatt durchgegangen. Ja, ein paar Hitzewallungen ab und an, manchmal ist sie unerträglich, aber sonst. Die sollen sich nicht so anstellen, dröhnt Christoph und lacht, ‚Mann‘ hat schließlich auch seine Wechseljahre. Bei Männern komme ich nicht weiter. Vielleicht kann ‚Mann‘ auch nicht ehrlich sein, um selber nicht als Weichei dazustehen.

Frauen? Andere Frauen haben bei Weitem nicht die Probleme. Zumindest was sie selber erzählen. Ich habe in meiner Verzweiflung angefangen, Freundinnen darauf anzusprechen. Wohlweislich nicht ihre engsten Freundinnen, sonst entsteht wieder Misstrauen und Chaos. Veronica, weit über Fünfzig, sagt, sie hätte sich nie Probleme mit den Wechseljahren leisten können, weil sie keine Zeit hatte. Weil sie sich Anfang Fünfzig grade beruflich neu orientiert, selbständig gemacht hatte. Mutig, aber offenbar hilfreich. Barbara schwärmt von Medikamenten, die ihr der Arzt gegeben hat, die ihr geholfen hätten. Eine Freundin von ihr, zehn Jahre älter, habe sich damals in den Alkohol gerettet. Theresia meint, außer gelegentlich Hitze Schweiß & Tränen sei sie glimpflich davon gekommen. Ab und zu wird ihr allerdings heute noch übel, eine erkennbare Ursache gibt es nicht. Auch keine seelischen Störungen.

Trösten nur sehr bedingt, diese Gespräche. Aber es tat gut, darüber zu sprechen. Manchmal verstehe ich jetzt ‚die Frauen‘, die ihre Probleme einfach mitteilen müssen, um sie rauszulassen. Ist ja sonst nicht so das Ding von uns Männern.

Wir haben doch schon einige Krisen überstanden, teils gemeinsam, teils getrennt, um uns dann wieder zu finden. Aber so etwas habe ich noch nicht durchgemacht. Was bleibt mir zu tun? Selbst die Fragen tun weh im Kopf, bohren, weil sie immer nur Varianten ein und derselben Frage sind. Also was tun?

Geduldig sein. Abwarten. Hoffen dass es bald vorbeigeht. Und dass ich die Kraft habe, das zu überstehen. Vielleicht dauert es ja nicht mehr allzu lange. Hoffentlich.“

Das habe ich vor einem Jahr aufgeschrieben, damals, als es Antonia extrem beschissen ging. Eine schwierige Zeit. Endlos schier. Schreiben half, zumindest ein bisschen. Und Reden. Inzwischen ist das ziemlich weit weg. Das Schlimmste, so scheint es, ist überstanden, und wir sind auf einem guten Weg. Schön, dass sich die Geduld letztendlich gelohnt hat. Antonia lebt wieder. Gestern hat sie, dabei pfeifend!, freiwillig und mit Lust die Küche saubergemacht, obwohl das sonst nicht so ihr Ding ist!

Sie hat ihre Freude wieder gefunden. Und ich kann wieder stressfrei schlafen.

Gute Nacht,

Ihr Jörg

2 Kommentare zu: »Der Wechselmann – persönliche Inventur eines Getroffenen«
  1. Wirklich toller Artikel!! Das Ganze mal aus der Sicht eines Mannes zu hören. Gibt einem auf jeden Fall den Anlass mal zu über denken, wie man auf seine direkte Umwelt wirkt. Vielen Dank Jörg, für dieses ehrliche Geständnis!

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