Weg

Weg fahren. Weit weg. Weg? Schon wieder ein Wort, das mich zum Nachdenken bringt. Und wirklich: Während ich noch überlege, wohin ich abhauen könnte, wie weit weg das sein müsste, das Wann und Wie abchecke, fällt mir auf, dass es nicht darum geht, weit weg zu fahren, sondern sich einfach auf den Weg zu machen. Meistens ist das dann der Weg ins Fitnesscenter, manchmal eine Verabredung ins Kino, oder einfach nur ein Spaziergang. Turnschuhe anziehen, gegebenenfalls Regenkleider, und einfach losziehen. Es braucht lediglich etwas Vertrauen in die körperliche Verfassung, alles andere kommt von selbst.

Koffer packen und los!
Koffer packen und los!

In der Großstadt gibt es genug Ecken, die man noch nicht kennt, oder wer ist schon mal bis zu allen Endstationen von S-Bahnen und Bussen gefahren? Einfach in den Zug gestiegen und irgendwo wieder ausgestiegen? Ich nicht. Aber ich hab es eine Protagonistin in einem Roman tun lassen. Die Verlage haben das Manuskript nicht genommen. Die Frau war ihnen zu alt. Zugegeben, sie wird bald siebzig, aber die Tatsache, dass es auch eine Siebzigjährige (theoretisch) schaffen kann, sich auf den Weg zu machen, ist doch auch ein Trost!?

Doch das Sich-auf-den-Weg-machen ist umhüllt von einer geheimen Lust auf Neues, auf etwas, das angenehmer ist als der reale Schlachtplatz. Schaurig schöne Bilder wabern um die Vorstellung von einer Welt, in der ich eine Frau vorfinde, die so ist, wie ich es früher war. Ich möchte mich manchmal von allen Problemen einfach wegbeamen, in einer fremden Stadt, einem fremden Land mich auf fremde Kulturen einlassen. Mich verirren, wundern, freuen, staunen, müde Füße haben, Menschen kennen lernen. An nichts denken, außer daran, wo ich heute schlafen, und was ich essen werde. Es fällt mir immer schwerer, aufzustehen, mich am Schopfe zu packen, mir selbst zu helfen. Da denkt man dann, dass einem das unter anderen Umständen, ganz woanders, viel leichter fallen würde. Man glaubt, wenn draußen eine andere Sonne scheint, dass man selbst auch ein anderer Mensch ist! Man vergisst, dass es dieselbe Sonne ist, bloß dass sie ein anderes Lichtspektrum ergibt (Huch, Physik, sorry!). Ihr seht schon, wenn es persönlich wird, verfalle ich schnell in das verallgemeinernde „man“, ich bin eine Meisterin im Vorgaukeln. Ach was sag ich, ich habe die Illusion erfunden!

Es gibt Tage, an denen ich am liebsten unter der Decke bleiben will, und dann soll ich plötzlich meine Siebensachen packen und abhauen können? Ganz schön utopisch, meine Liebe! Fahr mal lieber bis zur Endstation irgendeines Busses und nimm dir vor, zwei klitzekleine Stündchen durchzuhalten! Großmaul! So, jetzt geht’s mir besser. Wenn ich mit mir selber schimpfe, bringt das mehr, als wenn es ein anderer tut. Das sollte man sich zur Gewohnheit machen. Ich weiß, ich hab schon wieder „man“ gesagt.

Also, ich träume davon, einfach loszugehen. Nicht, weil mich sowieso keiner vermissen würde, das wär ja noch schöner! Nein, weil ich immer stärkere Reize brauche. Ich vermisse Überraschungen und harterkämpfte Erfolge. Wir müssen nicht mehr hinter Büffeln herjagen und die Augen offen halten, um nicht hinterrücks wegen eines Stück Brotes gemeuchelt zu werden. Wir sind sozial abgesichert (noch), freuen uns auf die Rente (???) und haben dabei verlernt, mit all unseren Sinnen durch die Welt zu gehen. Das haut uns sprichwörtlich um, und wir leiden an psychischen Erkrankungen, die es vor hundert Jahren noch gar nicht gegeben hat. Wir haben die große Chance, in den Wechsel zu kommen, mit Sechzig noch arbeiten zu können und haufenweise midlife-Krisen zu erleben, noch bevor wir ins Gras beißen! Aber nein, lieber leiden wir unter Laktoseintoleranz, ziehen die Decke über den Kopf und lesen zig Bücher über Heilungsmethoden aus dem Osten, solange bis wir verzweifeln, weil uns der Weg zu weit und das Sofa zu bequem geworden ist. Die Welt da draußen ist viel zu weit weg und gefährlich, und die Angst, alles zu verlieren ist so groß wie zehn Büffel. Übrigens: Nicht umsonst ist das Wort „aufbrechen“ ein brachiales. Wer aufbricht, muss etwas dafür tun, und wenn es weh tut!

Aber wenn wir schon nicht mehr Büffel jagen müssen, dann lasst uns doch wenigstens einmal die Woche aufbrechen und einem Bus hinterher rennen, damit wir rechtzeitig zum Abendessen wieder zu Hause sind. Weiber, auf zum Abenteuer um die Ecke, lasst uns den Büffel ins Herz holen!

Wer es schon mal gewagt hat, seine Sachen zu packen und einfach los zu fahren/gehen/schwimmen/fliegen, kann hier gerne an dieser Stelle Anregungen geben, wir brauchen Vorreiterinnen (zum Büffel jagen),

Eure Gudrun vom Sofa!

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