Chorsingen – sieht total blöd aus, tut aber so gut!

Ich möchte mit einem Selbstversuch starten. Sucht euch bitte einen Platz, ohne Schuhe oder mit flachen gemütlichen Schuhen, auf jeden Fall beide Füße fest auf dem Boden. Die Knie sind durchlässig, soll heißen, Ihr könnt mit Ihnen schlabbern. Die Arme hängen locker herab. Der Kiefer ist ebenfalls locker. Tief atmen und im Gefühl totaler Entspannung den Mund zum A oder O öffnen und einen gemütlichen Ton ausstoßen. Laut, aber locker. Dazu beginnt Ihr auf der Stelle zu wippen, fast zu hüpfen.

Macht unheimlich Spaß und wirkt enorm befreiend: Chorsingen!
Macht unheimlich Spaß und wirkt enorm befreiend: Chorsingen!

Dabei fällt der Ton ganz tief in euch hinein. Nur Mut! Wenn Ihr euch irgendwo zwischen animalischem Grunzen und Tanztherapie fühlt, seid Ihr richtig. Sieht dämlich aus und hört sich bekloppt an.

Was jetzt folgt, ist mein persönliches Plädoyer fürs Chorsingen:
Stellt euch obigen Selbstversuch als Gruppenerlebnis vor. Das grenzt an kollektiven Schwachsinn. Wer sich das traut, der traut sich wirklich etwas und hat alle Voraussetzungen, ein zufriedener Chorsänger zu werden und sich auch in anderen Lebensbereichen mal mehr zu trauen.

Dass Singen gut für Körper und Seele ist, haben Mediziner, Philosophen und andere schlaue Menschen hinlänglich analysiert. Aber das Singen in der Gruppe hält für mich ganz besondere Momente bereit. Und es nicht nur das Zusammengehörigkeitsgefühl, gemeinsam einer Grunzgruppe anzugehören. Was für ein Erlebnis, nach mühsamen Proben plötzlich die Stimme halten zu können.

Richtig gut wird es, wenn es darum geht, die Nachbarin oder gar die andere Stimme oder irgendwann den ganzen Chor zu hören. Das ist mehr als nur Singen, weil es Spaß macht. Das ist für mich Ausdruck von menschlichem Miteinander. Da schlage ich plötzlich eine musikalische Brücke zu Mark aus dem Bass, den ich niemals in einer anderen Lebenssituation wahrgenommen hätte. Ich freue mich über Holger, den Tenor, der bei einer Probe mit hochroten Wangen ganz allein seine Stimme singen soll und es schafft. Ich höre eine Dissonanz und fühle aber das harmonische Ganze, das das Musikstück aus uns macht. Das ist großartig. Dafür muss man keinen Chorpreis gewinnen, Solo singen oder bei einer Castingshow mitmachen.

Anschließend an der Bar hält sich dieses Gefühl der Offenheit und Nähe. Durchs Singen sind Grenzen gefallen. Ich mag sogar über nächtliche Hitzewallungen berichten. Durchs Singen sind Hierarchien gefallen. Jeder quatscht mit jedem. Das gemeinsame Erlebnis Singen ist das Bindeglied.

Filme über Chöre, über das Singen haben mich schon immer angerührt, obwohl sie gnadenlos sentimental sind. „Die Kinder des Monsieur Mathieu“  oder „Wie im Himmel“ sind beeindruckende Beispiele, die ich jedem von euch empfehlen würde. Was für ein Gefühlsscheiß, sagen vielleicht einige. Ich kann nur dagegen halten. Wer sich aufs Singen im Chor einmal eingelassen hat, der weiß, wovon diese Filme erzählen. Und jetzt „Song for Marion“ – er ist gerade in den Kinos angelaufen. Ein Seniorenchor, der sich verdammt viel traut. Mitten drin die krebskranke Marion, die nur noch wenige Wochen zu leben hat. Beim Singen ist sie Lebensfreude pur. Das Gruppenerlebnis, die Euphorie des gemeinsamen Grunzens und Singens wird in jeder Einstellung deutlich. Marions Mann Arthur grummelt. Die Sangesfreude seiner Frau wirkt auf ihn beängstigend. Er fühlt sich ausgeschlossen, ist misstrauisch und ungerecht. Die Expressivität des Chores hält ihm den Spiegel vor in seiner Unfähigkeit, Gefühle zu äußern. Und gelingt es Arthur, sich nach Marions‘ Tod zu trauen? Hilft ihm die Musik, verbarrikadierte Schleusen zu öffnen? Natürlich ist der Film voll sentimental. Meine Schleusen waren jedenfalls von Anfang bis Ende geöffnet. Beim Heulen sieht man genauso blöd aus wie beim Singen – gut, dass es im Kino dunkel war.

Aber mir ist ja fast nichts mehr peinlich: 🙂 Also traue ich mich auch zu sagen, nur noch vier Tage – dann ist wieder Chorprobe. Yippie!

Seid total sentimental gegrüßt
von Lisa

2 Kommentare zu: »Chorsingen – sieht total blöd aus, tut aber so gut!«

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