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Die perfekte Sandwich-Frau

Ganz spontan habe ich letzte Woche mal meine Eltern gefragt, ob sie sich schon Gedanken gemacht hätten über die nächsten Jahre. Wenn einer von beiden auf Hilfe angewiesen wäre und so. Könnten sie sich einen Auszug aus dem Reihenhaus vorstellen? Genau in diesem Moment rief mich meine Tochter über das Handy an, wo ich denn bliebe, sie müsse doch jetzt zum Musikunterricht gebracht werden und die Kleine bräuchte auch Hilfe beim Referat. Wupps – da war sie, dachte ich – die klassische Sandwich-Situation.

Zwischen den Generationen zu stehen und sich für beide verantwortlich zu fühlen, kann sehr anstrengend sein

Die Frau zwischen zwei Generationen. Getrieben von einem inneren Impuls besuchte ich meine Chorfreundin Suse, immer für einen leckeren Kaffee und ein gutes Gespräch offen. Suse, begann ich, ein echtes Wechselweiber-Thema liegt mir auf dem Herzen. Du als „Paradebeispiel Sandwich-Frau“ – erzähl doch mal! Und irgendwie steckt mir dieses Gespräch immer noch in den Knochen.

Neun Jahre lang hat Suse ihre Eltern gepflegt, erst ihre Mutter – ihr Sohn Leon war damals vier Jahre alt, Suse selbst dreiundvierzig – dann nach zwei Jahren Pause den Vater. Und Suse ist dabei durch die Hölle gegangen. Beide Eltern wollten auf keinen Fall ins Pflegeheim. Das hieß im Wechsel mit dem Bruder mehrmals am Tag nach dem Rechten schauen, extra kochen, Wäsche waschen, erst nur Fahrdienste, dann die komplette medizinische Versorgung, Bürokratiekram erledigen, mental unterstützen, die Eltern zu Grabe tragen. „Mein Sohn ist in der Zeit zu kurz gekommen – das tut mir jetzt noch wahnsinnig leid, meine Ehe stand auf dem Spiel, meinen Halbtagsjob habe ich nach kürzester Zeit gekündigt, um meinen Eltern gerecht zu werden“, berichtet Suse. Gedankt hat es ihr zunächst niemand. Woher sie die Kraft genommen hat? Suse wollte die Superfrau sein, die alles allein wuppt. Doch das führte ganz schnell zur totalen Überlastung. „Ich war dafür da, dass es allen gut geht. Ich fühlte mich wie Mutter Theresa ohne Anerkennung“, sagt sie.

Gesundheitliche Probleme häuften sich: psychische Schwankungen mit ganz düsteren Tagen, Bluthochdruck, Gewichtszunahme, Blutungsschübe. Suse schob alles auf die Ausnahmesituation mit der kranken Mutter. An Wechseljahre dachte sie nicht. Sie hatte keine Zeit dazu. Ihre Verpflichtung den Eltern gegenüber hat sie nie in Frage gestellt. Dafür aber fast alle sozialen Kontakte abgebrochen. „Ich fühlte mich allerdings überhaupt nicht als Superfrau, sondern minderwertig. Ich war auf mich sauer, auf das Leben, auf alle anderen. Aber ich konnte meine Wut nicht heraus lassen, konnte nicht weinen. Meine Umwelt habe ich nur noch abgeschreckt“, sagt Suse selbstkritisch über diese Zeit. Und sie ist traurig, dass sie die letzten Jahre mit ihrer Mutter nicht genutzt hat, Abschied zu nehmen, sondern versucht hat, wie eine Maschine nur zu funktionieren.

Nach dem Tod der Mutter sei zum Glück ihr Selbsterhaltungstrieb wieder erwacht. Suse fiel in ein tiefes  Loch, musste sich komplett neu finden. Sie merkte, wie sehr sie nach Hilfe von außen und Menschen lechzte, die ihr einfach nur zuhören. Sie begann eine Therapie und sprach erstmals das Wort Wechseljahrsdepression aus. Nach Monaten spürte Suse endlich wieder Zuversicht. Sie spricht von einem Netz, das sich damals langsam verknüpft hat und ihr jederzeit Halt gibt, wenn sie an schlechten Tagen das Gefühl hat zu fallen. Dann wurde der Vater ein Pflegefall. Ein gefühltes Déjà-vu, das bei Suse eine körperliche Achterbahnfahrt auslöste. Wieder fühlte sie die innere Verpflichtung für ihren Vater zu sorgen, machte diesmal aber vieles anders. Sie setzte sich mit ihrem Bruder zusammen. Wer kann was am besten und sollte deshalb  welche Aufgabe übernehmen? Ein kurzer Urlaub zum Erholen war für sie ganz wichtig. In dieser Zeit gab es eben Essen auf Rädern. Rechtzeitig eine Pflegestufe zu beantragen, war kein Tabu mehr. Dummen Sprüchen wie „Das schaffst du etwa nicht allein“, konnte Suse mit großer Gelassenheit begegnen. Sie schloss Frieden mit der Situation, mit ihrem Vater und mit sich selbst. Und sie rät allen Frauen in ähnlicher Situation den Mut zu haben halt zu schreien, wenn es zu viel wird. Gesunden Egoismus zu zeigen und Hilfe von außen einzufordern und anzunehmen. Eine perfekte Sandwich-Frau? So ein Quatsch, sagt sie heute.

Aber ich habe tatsächlich nach dem Gespräch mit Suse das Gefühl, sie hat Großes vollbracht. Was übernehmen Frauen in dieser Situation bloß für einen Brocken. Wahnsinn! Und ich hoffe sowohl für mich als auch für euch alle, dass wir im Fall der Fälle irgendwie unser eigenes Sandwich gut geschichtet bekommen…

Eure Lisa

2 Kommentare zu: »Die perfekte Sandwich-Frau«
  1. Hallo Lisa,
    mit großem Interesse habe ich deinen Beitrag gelesen. Respekt, deine Freundin Suse hat wirklich einiges geschafft – und hat ja wohl auch noch einiges vor sich. Es macht wirklich Mut, ihre Geschichte zu lesen, denn sie hat es geschafft, rechtzeitig die Notbremse zu ziehen. Das gelingt nicht allen!
    Ich recherchiere gerade für einen Artikel genau über dieses Thema: Die Zerreißprobe zwischen der Fürsorge für Eltern oder einen Elternteil UND für Kinder. Das Hin und Her zwischen ganz unterschiedlichen Bedürfnissen und die Frage: Wo bleibe ich bei all der Fürsorge für andere? Wie üblich für einen guten Artikel benötige ich eine Interviewpartnerin, die mir ihre Geschichte erzählen möchte.
    Meinst du, dass Suse so etwas machen würde? Oder kannst du mir einen Tipp geben, wo ich nach so einer „Sandwich“-Frau noch suchen könnte?
    Danke für deine Nachricht!
    Constanze

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