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Gastartikel: Heute schon geheult?

Nun bin ich tatsächlich dabei und darf mich Wechselweib nennen. Hatte ich mich bislang doch nur verstohlen auf diese Website geschlichen, um aus sicherer Entfernung auszuspionieren, wie es anderen Frauen so mit Mitte-Ende-Vierzig ergeht. Als wären die Wechseljahre ein Tabu-Thema. Nun gehe ich also in die Offensive. Das erste Gespräch mit Wechselweib Carmen öffnet mir sofort die Augen über die Dimensionen dieser  Lebensphase, die ich seit einiger Zeit die meine nennen darf.

Carmen erzählt mir von schwierigen Tagen und Nächten, die sich verdammt düster anfühlen – Gefühlsblasen mit Eigendynamik.  Wann hast du denn das letzte Mal so richtig geheult, fragt sie mich. Und da wird es mir mit einem Schlag deutlich. Ich heule fast täglich. Wenn ich beim Morgenkaffee auf die Zeitungsseite mit den Todesanzeigen gerate. Wenn meine Freundin mir erzählt, dass sie mit Mitte Vierzig das vierte Kind erwartet. Die Nationalhymne ertönt. Der frischgebackene Kugelstoß-Weltmeister in Südkorea kämpft auf dem Podest mit seinen Mundwinkeln.  Ich zucke in Hamburg solidarisch mit, mein Zwerchfell krampft, gleichzeitig öffnen sich weiter oben die Schleusen. Auf dem Hundespaziergang bahnen sich meine Gedanken wie von selbst ihre eigenen Wege. Nicht selten endet das in imaginären Wutausbrüchen. Einfach so, ohne mein Zutun. Das gibt’s doch gar nicht. Wenn ich es so recht überlege, habe ich mein Gefühlsleben eindeutig nicht im Griff.  Das ist für mein Umfeld nicht immer einfach. Alltags-Beschwerden geraten mir zu laut. Türenknallen. Warum lassen mich vergessene Sportschuhe im Flur ständig an der Liebe meiner Lieben zweifeln? Was ich natürlich sofort lautstark zum Thema mache, Minuten später bereue. Aber nur die Lautstärke. Drama-Queen? Heulsuse? Gefühlschaotin? Unbedingt. Habe grad mal bei Mann und Kindern nachgefragt, wie die das so finden mit meiner Lautstärke, den Beschwerden und Tränen. So bist du eben, war eine Antwort. Manchmal etwas anstrengend. Ist doch lustig, dass du beim Fernsehen andauernd heulst. Scheint ihnen gar nicht aufgefallen zu sein, dass die Häufigkeit dieser Gefühlsattacken in letzter Zeit zunimmt. Mir aber.

Und da Carmen mich jetzt noch fragt, wie es mir dabei geht, kann ich nur sagen: Gar nicht schlecht. Natürlich mag ich euphorisch lieber als deprimiert, lustig lieber als zornig. Lust lieber als Streit. Alles etwas hochdosiert im Moment. Das ist anstrengend und schön. Jedenfalls habe ich beschlossen, dass Heulattacken genauso zu mir gehören wie mein stetiges Bemühen um einen geschmeidigen Ablauf in der Familie und im Job. Aber jetzt muss ich schnell ein Paket Taschentücher aus dem Keller holen, denn gleich beginnt meine Lieblingsserie…

Gefühlige Grüße, eure Lisa

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